Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 6 (6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Wie wir unseren Glaubensgenossen in Deutschböhmen kennen, gelüstet es sie durchaus nicht nach einer solchen „Zuerkennung". Ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung aber, die bisher von den deutschnationalen Antisemiten bestritten wurde, haben sie sich aus eigener Kraft wohl zo wahren gewusst. Sie werden auch in Zukunft der Versuchung aus dem Wege gehen, mit Leuten gemeinsame Sache zu machen, die auf dem einen Punkte die Juden noch gnädigst fünf Jahre lang für ihre nationalen Don Quixoterien missbrauchen und sie deshalb als Deutsche anerkennen wollen, auf dem anderen Punkte aber ihnen „nur" noch die staatsbürgerliche Gleichheit zugestehen, die sie früher leugneten. Erbärmlicher kann sich die innere Verlogenheit des Rassen- Antisemitismus nicht manifestieren. Unsere Glaubensgenossen aber mögen aus der Dummpfiffigkeit der nationalen Antisemiten die wichtige Lehre ziehen: Wo sie ihnen noch im nationalen Kampfe willige Heerfolge leisten, mögen sie sich rechtzeitig auf sich selbst zurückziehen, da sie als Dank für ihre Aufopferung doch früher oder später — zumindest in fünf Jahren — den obligaten Fusstritt bekommen werden. Zum Schutze ihrer staatsbürgerlichen Rechte aber mögen sie sich selbst organisieren. Wir sind stark genug, um diese Rechte aus eigener Kraft zu vertheidigen und auf die gnädige Duldung der Rassenantisemiten zu verzichten. S. F. Gegen antisemitische Maueranschläge richtet sich der von dem Schriftsteller und Dichter Rudolf Christoph Jenny herausgegebene „Tiroler Wastl" (4.5.) in folgendem Leitartikel: „Wer ist ein Christ? Offenbar derjenige, der ein Anhänger der Lehre Christi ist, aber nicht bloss in Worten, sondern in Werken, denn nur an diesen wollte Christus seine wahren Anhänger erkennen. Da nun Christus alle Menschen für Kinder Gottes, somit für Brüder und Schwestern erklärte und seine höchst einfache Lehre selbst wiederholt in den einen Satz zusammenfasste: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" und „Was Du nicht willst, dass Dir geschehe, das thu' auch keinem anderen," so kann keinen Augenblick ein Zweifel sein, wer ein Christ ist und wer nicht. Das zu wissen ist im gegenwärtigen Augenblick in Innsbruck sehr nützlich, weil knapp vor Pfingsten an allen Ecken und Enden der Stadt Maueranschläge zu sehen waren, die dem wahren Christenthum so frech und brutal ins Gesicht schlugen, wie jener unverschämte Mensch, der eine weise Antwort Christi mit einem feigen Schlag in dessen Antlitz quittierte. Die christiich-socialen, impertinent rothen Maueranschläge trugen nämlich die Aufschrift „Christen, kauft bei Christen". Wenn diese Aufforderung so gedeutet worden wäre, dass das Publicum seinen Bedarf an Firmungsgeschenken nur bei solchen Kaufleuten decken möge, welche für ihre Mitmenschen ein Herz haben und ihren Gewinn nicht ausnützen, um andere zu bewuchern oder sonst zu schädigen, so