Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 6 (6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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wäre vielleicht nicht allzuviel dagegen einzuwenden gewesen. Das war aber nicht die Absicht der christlich-socialen Partei, welche dem wahren Christenthum solcherart brutal ins Gesicht schlug, denn die nachfolgende Erklärung, in welcher das Einkaufen von Firmungsgeschenken in jüdischen Geschäften als eine Scnmach und Schande hingestellt wurde, sagt klar und deutlich, was die Christlich-Socialen unter der Bezeichnung Christ verstanden wissen wollen. In ihren Augen ist der Wucherer, wofern er nur getauft ist oder gar von christlichen Eltern herstammt, ein Christ, und zwar ein umso besserer, je ärger er den Anhänger jeder anderen Religion, vornehmlich aber jeden Juden, seiner Herkunft wegen hasst und verfolgt. Diese edle Partei, die sich erfrecht, sich als eine christliche zu bezeichnen, bedenkt nicht, dass die ersten wahren Christen und Christus selber Juden waren und blieben. Sie vergessen, dass Christus seine Lehre von der Nächstenliebe schon in der jüdischen und mosaischen Religion, die wieder der ägyptischen entnommen war, vorfand und eigentlich nicht mehr gethan hat, als dass er sie vom rein äusseren, pfäffischen Formenkram, der sie nach berühmten Mustern überwucherte, befreite und aufs neue der Welt verkündete. Völlig neu ist in dieser seiner Lehre von der natürlichen Pflicht zur Nächstenliebe nur, dass er die ehemals nothwendigen, aber schon damals überflüssigen Schranken, welche die Juden als das auserwählte Volk Gottes von den anderen trennte, durch seine Erklärung von der Gleichheit aller Menschen niederriss und die ganze Menschheit als Kinder Gottes und folglich als Brüder und Schwestern aneinanderschloss. Der von den Christlich-Socialen gepredigte principielle Hass gegen alle Juden ohne Ansehung der Person versucht daher, die Schranken, die Christus in seiner echten Menschlichkeit niedergerissen, ihm zum Trotz wieder aufzurichten, und dennoch erkühnt sich diese Partei, sich christlich und social zugleich zu nennen, eine Frechheit, die Christus weit mehr schmerzen müsste, als der Schlag jenes Menschen, dessen brutale That die ganze Menschheit verabscheut. Die frechen, gesetzwidrigen Maueranschläge, deren impertinent grellrothe Farbe die Augen der vom Staate bestellten Hüter der gesetzlich festgelegten Rechte aller Bürger zu blenden schien, sind aber nicht nur vom rein christlichen Standpunkte, sondern auch von dem der Billigkeit und Gerechtigkeit zu verwerfen. Unsere jüdische Kaufmannschaft ist, gering geredet, um kein Haar schlechter als die übrige, denn abgesehen davon, dass das hiesige christlich-sociale Blatt, das ganz eigens zur Aufdeckung der jüdischen Niedertracht gegründet worden war, nicht einen einzigen Fall aufzudecken vermochte und eben darum nach kaum zweijährigem Bestand eingehen musste, ist es eine bekannte Thatsache. dass gerade die jüdischen Geschäfte immer mehr aufblühen, was bei der fortgesetzten Verdächtigung der Juden ein Ding der Unmöglichkeit wäre, wenn ihre Geschäftsgebarung nicht mindestens so reell wäre, wie die der übrigen Kaufleute. Wer gerecht sein will, muss zugestehen, dass in der That kein Grund vorliegt, unsere jüdischen Mitbürger solchermassen zu bekämpfen, denn ihre Geschäfte werden nicht nur von solchen Menschen besucht, die in ihrer arischen Abkunft keinen besonderen Vorzug erblicken, sondern auch, und zwar ganz regelmässig, von antisemitischen Führern aller Schattierungen. Angesichts all dieser Thatsachen, die ich jederzeit klipp und klar beweisen kann, kann man den erwähnten Maueranschlag der •christlichsocialen Partei nicht anders als einen Act unverschämter, auf blankem Geschäftsneid beruhender Roheit bezeichnen, der umso widerwärtiger ist, als unsere jüdischen Mitbürger für alle Sammler milder Gaben, für Glückstöpfe und Christbaumfeierlichkeiten, für gemeinnützige