Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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28 meinen bisherigen Ansichten entsprach. Von Tag zu Tag verstärkte sich immer mehr in mir der Glaube und die Ueberzeugung, dass ich einer grausemen, verhängnisvollen und uralten Ungerechtigkeit beiwohnte; und ich glaubte, es ist nicht ohne Wert, die Phasen zu bestimmen, die ich durchlaufen musste, ehe ich zu einer sympathischeren Würdigung der Rolle und der Person der Juden kam .... Seit Jahrhunderten ist der Jude Gegenstand des Yolkshasses. Auf Perioden der Ruhe folgen plötzliche Ausbrüche der Gewaltsamkeit und Roheit. Die gegen die Juden gerichteten feindlichen Gefühle rühren von der Verschiedenheit der Religion und der wirtschaftlichen Concurrenz her. Die Menge hat kein Urtheil. Ein ungebildeter, uncivilisierter "Mensch sucht nicht die ersten Ursachen irgend einer Thatsache zu ergründen. Er urtheilt nach dem, was er sieht. Da er sieht, wie intelligent, unternehmend und sparsam der Jude ist, denkt er, der Jude treibe Wucher, und glaubt, dass er ohne den Juden glücklich sein würde und alles besitzen könnte, was er begehre. Die Kenntnis der Gesetze und eifriges Studium lassen allein erkennen, dass unsere Gesetzgebung, unsere Verwaltung den Juden zu dem gemacht hat, was er jetzt ist, die ihm, indem sie ihm alle Carrieren verschlossen, ihm alle Wege sperrten, keinen anderen Ausweg Hessen, als Handel und Geldgeschäfte zu treiben. Durch unsere Gesetze, unsere Ausnahmemassregeln haben wir den Juden zu dem gemacht, was er ist. Der arme unwissende Bauer glaubt, dass der Jude ihm das Gras unter seinen Füssen wegschneidet, dass der Jude die Spinne ist, die den Armen das Blut aussaugt. Das ist schon ein ganz falscher Glaube, denn im Kampfe ums Dasein darf man sich nicht um die Rassenfrage kümmern." Diese falsche Idee von der Rasse (oder vielmehr von der Uebermacht einer Rasse) hat nicht nur in der Menge — durch den Einfluss von Zeitungen — sondern auch in den Köpfen einiger gelehrten Specialisten Wurzel gefassf. Irgend ein Physiologe, oder ein historischer Physiologe (Jules Soury), der völlig im unklaren über die ökonomischen Beziehungen der Menschheit ist, der nichts von den industriellen Ereignissen dieses Jahrhunderts weiss, der unbekannt mit den Löhnen, Arbeitseinstellungen, der einheimischen und auswärtigen Concurrenz ist, mit einem Wort, der nichts von den Vorbedingungen für die Existenz dieser bedürftigen und armseligen Classe weiss, sieht nur ein atavistisches Phänomen da, wo die ThatSachen uns ein sociales Phänomen erkennen lassen. Die ausgedehnte Specialisierung (die durch die ungeheure Entwicklung der Wissenschaften erforderlich geworden ist) hat den geistigen Horizont, des Gelehrten so beschränkt, dass seine kleine Welt ihm die übrige verbirgt. Wras den besonderen Fall der Juden betrifft, so schreibt man der Rasse eine geheimnisvolle Macht (der Eroberung oder der Zersetzung) zu. Als ob die Rasse sich selbst nicht fortwährend unter dem Drucke der äusseren Einwirkungen modificierte. Wir haben die Legionen von verarmten Juden erwähnt, die vom sweating System bedruckt sind, das hauptsächlich von jüdischen Arbeitgebern in England und in den Vereinigten Staaten eingeführt worden ist. Wir haben die jüdischen Arbeiter vorgeführt, die sich, ebenso wie die christlichen, untereinander Concurrenz machen. Genügt dies nicht, um zu beweisen, dass keine Solidarität vor den Sonderinteressen und der Concurrenz bestehen kann?