Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Wir haben ferner gezeigt, dass die Zusammenpferchung der Juden in den „Territorien" in Russland die Juden gezwungen hätte, sich gegenseitig zu ruinieren und mitunter ein Wuchersystem zu schaffen, dem ihre Glaubensgenossen zuerst zum Opfer fielen. Ist dies nicht eine genügende Erklärung für die Armut der grossen Masse und den Reichthum einzelner weniger? Wir haben gesehen, wie arme Familien sich gerne zum Islam bekehrten, wie Londoner Arbeiter sich dem Gottesdienste gegenüber gleichgiltig verhielten und den Sabbath nicht mehr beachteten. Oeffnet nicht dies dem weniger klar Sehenden die Augen über Hie angebliche Unveränderlichkeit der Rasse? Wir haben die russischen und rumänischen Auswanderer gesehen, die mit den geringsten Löhnen zufrieden waren und so die schwersten und verschiedenartigsten Arbeiten verrichteten; wie kann man diesen Thatsachen gegenüber von „eingewurzelter Habgier" und von „Abscheu vor Handarbeit" sprechen?*) Uebrigens sind die Citate aus dem Talmud, die die Arbeit betreffen, sehr zahlreich. Hier seien einige angeführt: „Die Handarbeit wird von Gott geliebt." (Tosfiea Baba Kama, Capitel 4.) „Lass deinen Sohn ein angemessenes Handwerk lernen" (Mischna, Kidduschin TV, 13.) „Ebenso wie man verpflichtet ist, sein Kind zu ernähren, muss man es auch ein Handwerk lernen lassen." (Kidduschin 30b.) „Die schönste Arbeit ist die Ackerarbeit; obgleich sie viel weniger einträglich ist, muss sie doch jeder anderen vorgezogen werden". (Jebamot 63a.) „Ziehe einem Aas auf der Stelle das Fell ab, empfange deinen Lohn und sage nicht: Das ist zu demüthigend für mich." (Pessachim 113a), u. s. w. Erst nach den Kreuzzügen untersagten zahlreiche Edicte in allen Ländern den Juden die Landwirtschaft und das Betreiben eines Handwerkes. Der canonische Beschluss des Lateranischen Concils verbot den Juden, Christen bei der Verrichtung ihrer Arbeiten zu benützen. Hierdurch wurden sie gezwungen, die Landwirtschaft aufzugeben und sich dem Handel zu widmen. In Arragonien verbot das Edict vom 12. Jänner 1412 den Juden, Handwerker zu werden. Der Papst Benedict XIII. erliess am 11. Mai 1415 eine Bulle von 11 Artikeln, in denen er den Juden verbot, irgend ein Handwerk zu treiben. Der Papst Pius V. verbot ihnen den Besitz von Ländereien und allem Gewerbe, ausser dem des Trödlers (19. April 1506) u. s. w. Siehe Groetz und Kurrein. Ebenso: Untersuchung des Antisemitismus von Henri Dagan. Wir haben gesehen, mit welchem Eifer die armen Juden und selbst die „gebildeten" den landwirtschaftlichen Beschäftigungen sich widmeten. (Palästina, Vereinigte Staaten, Hepublik Argentinien, u. s. w.) W"as bleibt noch von dem Abscheu vor der Landwirtschaft übrig? Je mehr man beobachtet, je mehr man überlegt, umsomehr erkennt man, dass die antisemitischen Behauptungen völlig grundlos sind und den unwider- °) „Wenn etwas, hat Renan geschrieben, aus der Arbeit hervorgeht, die wir in der „Histoire litteraire de la France" (Band XXVII) über die Lage der Juden im Mittelalter veröffentlicht haben, so ist es die Thatsache, dass vor dem Ende des 18. Jahrhunderts die Juden genau dieselben Berufe ausübten, wie die Franzosen."