Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Am nächsten Morgen weckte mich in aller Frühe eine böse* Nachricht aus Berlin. Das Comite telegraphierte mir, in Hamburg sei die Cholera ausgebrochen; durchaus unrichtigerweise sei das Gerücht verbreitet, dass sie durch die russischen Juden dorthin eingeschleppt worden sei. Ich möge an die mir befreundeten Blätter die telegraphische Bitte richten, diesem unwahren Gerücht — das war es wirklich — entgegenzutreten. Mit dieser Arbeii verbrachte ich den Vormittag und gieng um Eins zur Frühstücks-Table d'höte. Der Hamburger sass bereits da, und rief mir, kaum, dass ich mich gesetzt hatte, erregt zu: „Denken Sie nur, welche Depesche ich eben von Hause bekommen habe! In Hamburg ist die Cholera. Die Juden, diese verdammte Geissei der Menschheit, haben sie dort eingeschleppt" Der „Gotthard" ist ein Touristen-Hotel; die meisten Gäste bleiben nur einen Tag; niemand lernt seinen Nachbar kennen, und es geht daher an der Tafel sehr still zu. Aber diese Nachricht wurde doch nicht lautlos aufgenommen, dazu war sie zu aufregend. Ich hatte die die Empfindung, nicht bloss, dass ich eintreten müsse, sondern auch, dass es hier mit dem Pathos nicht gethan seL Und so sagte ich so laut, dass meine Stimme das erregte Gespräch an der Tafel übertönte: „Ja, die Cholera ist in Hamburg. Aber zweierlei muss ich Ihnen sagen. Erstens: die Juden sind daran unschuldig. Und zweitens: ich geissele selbst mit!* Der Kaufmann wurde verlegen. Einige lachten und die Spannung war beseitigt. Sagen muss man es, wiederhole ich zum drittenmale das Selbstverständliche. Zudem weiss in der Regel der Angreifer ohnehin, wen er vor sich hat. Wer schweigt, macht es also, wie mein einstiger Secretär Simon T. in Wien. Simon T. war ein braver, tüchtiger, pflichttreuer Mensch, ein vortrefflicher Stenograph, hatte auch was gelernt. Er stammte aus Galizien und studierte nun in Wien Philologie. Er hatte nur zwei Schwächen: Erstlich mauschelte er, wie ich nie einen gebildeten Menschen habe mauscheln gehört. Sein Deutsch war der Triumph, der Enthusiasmus der Mauschelei. Aber er mauschelte nicht bloss mit Mund und Lippen, auch nicht bloss mit Händen und Füssen,, sondern mit dem ganzen Körper. Und dabei war seine zweite Schwäche, sich um Himmelswillen nicht als Juden zu erkennen zu geben. Eines Tages kommt Simon T. zu mir und zeigt mir erfreut ein glänzendes Colloquien-Zeugniss des Professors Emanuel Hoffmann* „Es ist alles gut gegangen," sagt er. „Aber mir scheint, Hoffmann ist ein Judenfeind/ (Das Wort „Antisemit0 war damals noch uicht erfunden.) „Was Ihnen nicht einfällt," erwidere ich. „Ich kenne ihn ja l Woraus schliessen Sie das?* Simon T. wiegt sich in den Hüften hin und her. „Woraus? Er hat mir ja eine Falle gestellt! Aber wer geht nicht in die Falle? Ich! Fein habe ich mich herausgezogen." Er schnalzte mit der Zunge: „Sehr fein!■ „Was war das für eine Falle?!" „Er will wissen, ob ich ein Jud' bin. Fragt er mich: „Herr T.,* fragt er, „Sie haben ja etwas Tüchtiges gelernt; aber wie kommen Sie zu diesem argen Mauscheln?" Natürlich will er, ich soll antworten: „Weil ich ein Jud' bin/ Was aber sag' ich? „Herr Professor," sag' ich, „erstens glaub* ich nicht, dass ich mauschle. Zweitess: wie soll ich nicht mauscheln? Ich bin nämlich aus Galizien! Dort wohnen doch so viele Juden! Mit sie habe ich verkehrt, von sie habe ich es mir angewöhnt!"-- „Im deutschen Reic h."