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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-04-01 · 4 (4.1902) · p. Seite 25

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
4 (4.1902)
Date
1902-04-01
Page
Seite 25 (sequence 25)
Language
German
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25 mich also hin und frühstückte. An einem anderen Tischchen that der Sachse das Gleiche. Nach einer Weile erscheinen die beiden Herren, sichtlich Glaubens- oder doch — man kann mit derlei Behauptungen heutzutage nicht vorsichtig genug sein — zum mindesten zweifellos Rasse- Genossen. Sie treten an meinen Tisch heran, und der eine von ihnen sagt sehr brüsk: „Ich habe diesen Tisch belegt! Wo sind meine Zeitungen?'' Der Kellner stürzt herbei, deutet auf das Tischchen daneben und sagt den Herren, in seinem Eifer allerdings nur italienisch, das sei mein ständiger Platz und er habe sich dies daher gestattet. Die Herren setzen sich an den nächsten Tisch (nebenbei bemerkt, es war zwischen diesem und dem meinen wahrlich kein Unterschied). Aber sie sind dennoch sehr, sehr ungehalten, und der eine sagt zum anderen, während der Kellner abstürzt, ihr Frühstück zu holen, überlaut: „Unerhört! Ich belege mir einen Tisch, und da kommt der Mann, legt die Zeitungen weg und setzt sich selbst hin." Ich verliere die Geduld nicht so leicht. „Das hat nicht der Mann gethan," erwidere ich lächelnd, „sondern der Kellner. Es ist der Platz, den ich immer habe." Darauf wieder der Sprecher von vorhin zu seinem Gefährten: „Er sagt: der Kellner! Das können wir glauben — das können wir nicht glauben — wie es uns gefällt." Nun ich allerdings auch nicht eben sanft, ich verbäte mir solche Redensarten. „Ist das der Ton unter Culturmenschen?!" Da tönt vom nächsten Tische die sanfte Stimme des Sachsen : „Aher kutester Herr F., dis gahn Sie doch nicht wundern! Es sind ja Juden!" Die beiden Herren schwiegen, aber ich — ich gestehe es — ich auch. Erst nach einer Minute hatte ich die Fassung gewonnen, dem Sachsen zu sagen: „Sie haben es gut gemeint, aber richtig war Ihr Trost nicht. Denn wir Juden sind auch Menschen, sogar Culturmenschen." Der Sachse erwiderte nichts, sah mich aber nicht eben freundlich an. Und die beiden schwiegen auch und thaten das Gleiche. Ich aber sass in der Mitte und schaute niemand feindlich an, machte mir aber im Stillen meine Gedanken über beide Theile. Auszusprechen brauche ich sie hier wohl nicht. Das war das einzigemal, wo es mir schwer fiel, zu sagen : „Ich bin Jude!" Aber, ob es einem nun schwer oder leicht fällt, man muss es thun. Die Tonart muss freilich taktvoll gewählt sein. Viele sagen es scherzhaft; das ist nicht immer angemessen. Ich habe es nur einmal in dieser Tonart gethan, aber da hatte ich die Empfindung, als ob es nicht anders gienge. Es war im Sommer 1891, für mich unvergesslichen Angedenkens : der Sommer, wo sich der Strom der flüchtigen russischen Juden über Deutschland ergoss. Ich war vom Mai bis in den August hinein für die Sache thätig gewesen, so weit mir irgend die Kraft reichte, zuerst als Schriftführer des Central-Comites in Berlin, dann auf Reisen von der schlesischen bis zur rumänischen Grenze, um in Galizien und der Bukowina die Local-Comites zu organisieren. Als ich heimkam, hatte ich das Essen und Schlafen verlernt, und der Arzt schickte mich schleunigst in die Schweiz. Dort flickte ich mir auf Rigi-Scheidegg langsam die Nerwen wieder zurecht und kam dann nach Luzern hinunter. Am Abend meiner Ankunft war ein Hamburger Kaufmann mein Gegenüber an der Abendtafel des „Hotels St. Gotthard", ein netter, angenehmer Mann, mit dem ich in behagliches Plaudern kam.

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