Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-04-01 · 4 (4.1902) · p. Seite 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
4 (4.1902)
Date
1902-04-01
Page
Seite 16 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9602426-9602526--0372-9602542
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

IG zum Schadensersatze meistens nicht vorhanden, aber die moralische Verpflichtung ist ausser Zweifel, und um ein Beispiel anzuführen: Ganz in derselben Weise erwächst den reichen Juden die Pflicht, den armen Juden ebenfalls für den Schaden aufzukommen, der ihnen aus dem Hasse gegen die reich enJuden erwächst. (Beifall.) Es ist eine der widerlichsten Erscheinungen, meine Damen und Herren, dass gerade der Hass gegen die reichen Juden sich gegen die armen Juden entladen hat. Es ist auf diese Thatsache oft hingewiesen worden,, was aber bisher nicht mit genügender Entschiedenheit betont wurde, ist, dass aus dieser Thatsache den reichen Juden die Verpflichtung erwächst, für die armen Juden mit Rath und That einzutreten. Wenn wir nun in Anschlag bringen, wie wenig im Verhältnis von jüdischer Seite gethan worden ist, so können wir sagen, dass es noch halbwegs passable geht. Unter mancherlei Unbill vergessen wrir nur zu leicht die ungeheuren Fortschritte, die gemacht worden sind. Wir sprechen allerdings von dem Zeitalter Schillers und Goethes und vom Gegensatze, der »Schmach des Jahrhunders,«, aber vergessen wir nicht, dass Schiller und Goethe ihrem Zeitalter um mehr als 100 Jahre voraus waren. Im Jahre 1893 feierte die „Magdeburger Zeitung" das 100jährige Fest ihree Bestehens und legte der Festnummer ein Facsimile der ersten Nummer bei. Datin war ganz trocken erzählt, wie im Kriege gegen die Franzosen eine Patrouille nachts auf das französische Ufer übergesetzt wurde, wo eine französische Batterie war, die Leute niedersäbelte, die schweren Kanonen in den Rhein warf und mit acht französischen Offleieren und zwei leichten Geschützen zurückgekommen ist. Das war zur Zeit, als noch kein Hass gegen die Franzosen bestand. Wenn wir das berücksichtigen, so ist es selbstverständlich, dass die kolossale Verbreitung der Bildung natürlich eine gewisse Verfiachung zur Folge haben musste, und dass im Zeitalter der Demokratie auch eine gewisse Demagogie vorhanden sein muss. Wenn die Verhältnisse speciell unter den Juden berücksichtigt werden, so erinnere ich an Mendelssohn, der als Handelsdiener eines reichen Krämers lebte. Damals durfte kein Jude heiraten, noch den Ort verlassen, noch irgend einen bürgerlichen Act vornehmen ohne Erlaubnis der Regierung. Wenn wir dies berücksichtigen, so müssen wir doch immerhin zugeben, dass sich die Verhältnisse wirklich gebessert haben, und, meine Damen und Herren, die wir Optimisten zu sein Grund haben in unseren Gefühlen, wir sollen in noch weit grösserem Masse Optimisten sein in unserem Handeln. Wir sollen uns nicht damit beschwichtigen, dass wir uns sagen, eine Abwehr hilft nichts; das ist ein Vor wand für Trägheit und Geiz. (Rufe: Richtig!) Wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.