Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Christen zu überlassen/' Ich halte es also für unnatürlich, dass ein derartiger Versuch nicht gemacht wurde. Wenn zum Beispiel die Zuckerbäcker oder die Barbiere jahrelang in derselben Weise angegriffen worden wären, so hätten Sie unzweifelhaft in Oesterreich eine Partei der Zuckerbäcker oder der Barbiere. Die Sünden der Väter gehen in dieser Beziehung sogar noch weiter; nicht nur, dass sie selbst nicht diese Regung des Selbstgefühles gehabt haben, sie haben zu meinem Bedauern sogar diese Regung in der jüngeren Generation zu unterdrücken gesucht. Mit Erstaunen musste ich sehen, wie die jüdischen Turn- und Studentenvereine durchaus nicht die Billigung der Eltern gefunden haben. Die jungen Leute — so wurde mit einer kolossalen Vernunft gesagt — gehören ins Colleg; sie sollen lieber studieren, statt in die Kneipe zu laufen und sich zu duellieren,. Ein ganz hübscher Standpunkt; er gilt aber für die Studenten überhaupt. Wenn man sieht, mit welcher Ehrfurcht der Philister von allen studentischen Dummheiten spricht, so muss man sagen, dass nicht mit demselben Masse gemessen worden ist. Der politische Student kann natürlich nur da existieren, wo eine besondere politische Unreife herrscht; in England und Amerika gibt es das nicht. Es war also eigenthümlich, dass all die Leute, welche die Studenten als politische Factoren bewillkommet haben, gerade bei dem jüdischen Studenten mit einemmale fanden, dass er ins Colleg gehöre, und es konnte womöglich vorkommen, dass derselbe Herr Papa, der bei dem ersten Jungen schmählich stolz war, sich kolossal darüber ärgerte, dass sein jüngerer Sohn Fuchs in der „Ivria" wurde, und dass er diesem sagte, er möge nicht kneipen! Es ist unzweifelhaft, dass die jüngere Generation ein weit stärkeres Gefühl hat, als die Eltern. Das ist natürlich. Die Eindrücke der Jugend bleiben am lebhaftesten in der Erinnerung, und man gewTöhnt sich im Alter nur langsam an andere Gedanken. Das Verhältnis zwischen den Juden und den Andersgläubigen wrar früher ein gutes, denn auch in anderen Ländern war für die Ideale des Liberalismus ein gemeinsamer Boden für Kampf und Streben gegeben. Anders ist es mit der heutigen Jugend, welche aufgewachsen ist unter Hass und Verfolgung, und welche die schwierige Lage, die durch die Unterlassungssünden der Väter entstand, gutzumachen hat. Wenn die ältere Generation das mit philosophischem Verständnisse sich überlegt, so müssten eigentlich die Alten sich freuen, dass die Jungen das anders gemacht haben, und dass bei allen Albernheiten in dieser Bewegung ein Kern gesunder Gefühle steckt. Aus diesem Most wird ein guter Wein werden. (Beifall.) Und, meine Damen und Herren, gerade das erklärt den Radicalis-