Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Oesterreicher und Juden verletzt. Diese Leute haben ihr Verhalten im Falle Franko Stein gewissermassen damit zu rechtfertigen gesucht, dass sie sagten, der Gegner war ein Socialdemokrat. Meiner Meinung nach scheint mir vom Standpunkte der österreichischen Monarchie eine Partei, welche in 100—200 Jahren alle Landesgrenzen abschaffen will, acceptabler, als eine Partei, die nur gegen die österreichischen Grenzen Antipathie hat, und vom Standpunkte als Monarchist möchte ich ebenfalls meinen, dass eine Partei, wrelche nach ihrem Programm in IOO—200 Jahren jede Monarchie überhaupt abschaffen will, acceptabler sei, als eine Partei, welche die bestehenden Monarchien angreift, mit Ausnahme einiger auswärtiger vielleicht! (Heiterkeit). Es ist also im höchsten Masse bedauerlich, dass diese Partei, wie es bei den letzten Wahlen geschehen ist, noch Stimmen aus dem jüdischen Lager erhalten hat, und wie ich diese Leute kenne, waren sie womöglich noch eingebildet darauf, dass sie einen Damm gebildet haben zum Schutze gegen die — staatsumwälzenden Parteien. Nun, wollten die Juden nicht in die Lage kommen, zwischen einem Socialdemokraten und einem Alldeutschen zu wählen, s o hätten eigentlich die Juden sich politisch organisieren müssen. Das Bestehen einer jüdischen Wahlorganisation hätte schon auf die Auswrahl der gegnerischen Candidaten eingewirkt. Meine Damen und Herren! Wenn die Juden als eine geschlossene Gruppe auftreten und sagen würden, wir werden denjenigen wählen, welcher uns die Garantie gibt, ein guter Oesterreicher und ein liberaler Mann zu sein, so hätte die Furcht vor dem Verluste eines Mandates ausserordentlich kräftigend auf die liberalen Principien des Candidaten eingewirkt und diese Leute wären verpflichtet gewesen, die radicalen Elemente zu bekämpfen, statt ihnen nachzulaufen. Aus diesen Ursachen bedaure ich es im Interesse sowohl der Juden, als des Liberalismus, als auch des österreichischen Staates, dass es zu einer jüdischen Wahlorganisation nicht gekommen ist. Es ist ja richtig, es soll keine confessionelle Partei geben, aber wir leben nicht in einer Welt der Ideale, sondern der Wirklichkeit. In einer solchen Welt kann man nicht nach abstracten Idealen, sondern nur nach der praktischen Notwendigkeit handeln. In der Noth frisst der Teufel Fliegen, und wenn jemand mir nach der Gurgel greift, so ist es meine geringste Sorge, ob meine Cravatte gut sitzt, sondern ich werde mich vertheidigen. Nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe, hat man * den Juden von wohlwollender christlicher Seite geradezu einen Vorwurf daraus gemacht, dass man ihnen sagte : „Ihr seid als Juden angegriffen worden, Ihr hättes Euch selbst vertheidigen solle n, statt die Vertheidigung uns