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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-04-01 · 4 (4.1902) · p. Seite 10

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
4 (4.1902)
Date
1902-04-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 ziehen hat. (Rufe: Sehr gut!) Den Gipfel der Verächtlichkeit erreichte meiner Ansicht nach das Verfahren dieser Leute, die sich als Deutschnationale geberdeten, dass sie eine jüdischnationale Gesinnung als mit dem Wohl des österreichischen Staates nicht vereinbarlich erklärten. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen über jüdische Nationalbestrebungen etwas zu sagen, mich interessiert nicht das, was die Juden thun sollen, sondern ob sie es als österreichische Staatsbürger thun dürfen, und diese Frage ist zweifellos zu bejahen. Sie ist auch bejaht worden vom Herrn Präsidenten, als er sein Amt antrat, denn er hat auch die jüdischen Nationalen zu gemeinsamer Arbeit aufgefordert, was er nicht hätte thun können, wenn er in ihnen Gegner der österreichischen Staatsidee gesehen hätte. Ich kann mich nicht in den Gedankengang der Leute hineindenken, die das Deutschnationale mit der Pflicht des österreichischen Staatsbürgers vereinbarlich halten, das Jüdischnationale aber nicht. Ich weiss nicht, ob es den Herren bekannt ist, dass es eine zionistische „Wacht am Jordan" nach der „Wacht am Rhein" gibt. Aber wenn ich ein österreichischer Patriot oder Minister wäre, so würde ich die „Wacht am Jordan" unter allen Umständen vorziehen. Es ist mir, wie gesagt, nicht möglich, einzusehen, wieso es unösterreichisch sein soll, jüdisch - national, aber nicht unösterreichisch, deutschnational zu sein, mindestens so lange nicht, als bei den hervorragenden Führern der Deutschnationalen eine gewisse Antipathie gegen den österreichischen Staat besteht, und ich möchte bemerken, dass wenigstens die Liberalen die Mitschuld trifft, dass sie bei Stichwahlen für solche Leute stimmten, und dass sie der Schädigung, welche der österreichische Staatsgedanke durch solche Strömungen erleidet, nicht mit der erforderlichen Entschiedenheit entgegengetreten sind. Bei uns in Berlin besteht ein Wochenblatt, in welchem angesehene Leute die österreichischen Verhältnisse besprechen, und ich habe da manchmal mit Erstaunen gesehen, in welcher Weise diese Verhältnisse von Oesterreichern missverstanden worden sind. Die Leute stellen sich auf den Standpunkt, dass sie sagen, es sei richtig, dass durch diesen Zustand Gefahren dem österreichischen Staate drohen, aber was geht das uns an? Die österreichische Regierung ist schuld daran durch die Sprachenverordnung. Die Sache erinnert mich lebhaft an den Jungen, dessen Finger erfroren sind, und welcher dann freudig sagte: „Es geschieht meinem Vater ganz recht, warum kauft er mir keine Handschuhe!u (Heiterkeit.) Meine Damen und Herren! Diese Gleichgiltigkeit gegenüber den Staatsinteressen war im höchsten Grade erstaunlich, und meiner Ueberzeugung nach haben die Juden, soweit sie nicht scharf dagegen Stellung genommen haben, ihre Pflicht als

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