Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 freundschaftliche Beziehungen unterhält. Die jungen Leute, welche nach Innsbruck gehen, haben immerhin ein gewisses freundschaftliches Verhältnis zu Deutschland und deutschem Geiste, und wenn sie die italienischen und die deutschen Vorlesungen gehört hätten, so hätte sich erst recht ein freundschaftliches Verhältnis herausgebildet. Was geschah aber? Die Leute sind sehr geärgert worden; sie werden jetzt in Triest sitzen und bedauern, dass man ihr Entgegenkommen so schlecht aufgenommen hat. Für dieses vollständig falsche Vorgehen hat man weder in der liberalen Partei, noch in der Presse Worte der Missbilligung "gefunden. Wie haben sich nun die Juden dieser extrem nationalen Strömung gegenüber verhalten? Ich muss leider gestehen, dass dieses Verhalten nicht so war, wie es hätte sein müssen. Sie haben nicht genügend geprüft und es nicht verstanden, welche Wirkung das Verhalten der deutschen Partei für das österreichische Staatswesen und für das Deutschthum und die Juden haben muss. Juden haben in hervorragendem Masse an der Redaction und der Verbreitung des Linzer Programms theilgenommen, und sie sagen jetzt, sie haben damals nicht gewusst, wrelche Drachensaat sie gesäet haben. Nun aber ist das keine Entschuldigung. Wenn mir ein Pfuscher einen gesunden Zahn zieht und den kranken stehen lässt, so meint er es auch nicht böse. Wenn jemand Politik treibt, so heisst das, die Zukunft voraussehen, und wenn er es nicht kann, so kann er ein höchst braver und prächtiger Mensch sein, aber politisch hat er nicht gehandelt. Und, meine Damen und Herren, es hätte gar nicht eines besonders grossen Scharfsinns bedurft, um einzusehen, dass jede scharfe Betonung der nationalen Momente, jede Entfesselung der nationalen Leidenschaften für den österreichen Staat, für den Liberalismus und für die Juden von grösstem Unheil sein müsste. Auch bei viel späteren Gelegenheiten haben viele einzelne Juden alle Ausschreitungen der deutschen Partei mitgemacht. Es ist leider der Fall gewesen, dass Juden bei den letzten Wahlen in Böhmen einem Franko Stein ihre Stimmen gegeben haben. Die Oesterreicher und viele der österreichischen Juden haben, möchte ich sagen, einen gewissen Autoritätsglauben, es imponiert ihnen, Kraft und Energie zu sehen, gleichgiltig, ob dahinter Verstand steckt oder nicht. Und es ist ja klar, dass ein solcher Geisteszustand schliesslich zur Demoralisation führt. Das Verfahren dieser Juden, welche im Interesse des Deutschthums verziehen haben, dass man ihre Vorfahren und Vergangenheit für bemakelt erklärt hat, erinnert mich lebhaft an eine alldeutsche Frau, die dem Verführer ihrer Tochter ver-