Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 ein Vorwurf, den man den Oesterreichern gemacht hat, den man aber vielmehr den Juden machen kann. Diese sind wie die Damen in der Provinz, welche die Mode der Hauptstadt nachahmen wollen und deshalb immer die Mode von gestern tragen. Es lässt sich nachweisen, dass dies das Schicksal der österreichischen Juden war. Man sah als Ideal das Deutschland Schillers und Goethes, und indem man sich für dieses Ideal erwärmte, hatte man sich nicht assimiliert, im Gegentheil, man folgte der Mode von gestern. Es fehlt ein Ideal aller gebildeten deutschen Kreise, so wie es unsere Väter mit dem Ideale der deutschen Einheit und Freiheit gemacht haben. Das Fehlen dieses Ideals hat weit mehr als die antisemitischen Angriffe uns von der Assimilation zurückgebracht. Es fehlte dadurch bei den Juden an der Voraussetzung der Bestrebung, sich zu assimilieren, und daher kommt es, dass die Hingabe an die deutsche Partei etwas Unwahres, Ungesundes bekam; trotzdem hat diese Gefolgschaft jahrelang gedauert, auch dann noch, als die Fortschrittlichen auf dem Rücken der Juden sich mit den anderen Parteien verständigt hatten. (Sehr richtig.) Es kam das daher, wie man billigerweise eingestehen muss, dass diese Leute in einer sehr unangenehmen Lage waren zwischen der Pflicht, dem liberalen Theile ihres Programmes zu folgen*, »und der Notwendigkeit, sich der nationalen Uebertreibungen ihres Programmes zu erwehren, und dass sie nothwrendigerwe se auf die nationale Seite fallen mussten. Zu welch grotesken Verlegenheitssprüngen diese Schwierigkeit geführt hat, dafür möchte ich Ihnen ein interessantes Beispiel, aus der Haltung eines sehr angesehenen Blatte > anlässlich der Nothnagel-Affaire in Wien anführen. Wie Sie wissen, hat Professor Nothnagel das Missfallen der antisemitischen Studenten dadurch erregt, dass er dem nichtantisemitischen Chefarzt der Rettungsgesellschaft recht gegeben hatte. Dies hatte ihn etwas missliebig gemacht und die Universitätshörer gaben ihrem Missmuthe nicht bloss auf der Universität, sondern auch im Krankensaale Ausdruck. Bei diesem Treiben, welches sich wirklich durch eine besondere Widerlichkeit ausgezeichnet hatte, hatten die Universitätskreise ein grosses Wohlwollen und philosophischen Gleichmuth bewahrt. Sie bedachten nur zwei Studenten mit geringen Strafen, indem sie dieselben auf ein Semester relegierten, wollten aber gleichzeitig ihre Unparteilichkeit zeigen und straften den Sohn eines jüdischen Professors, der keine solche Roheit begangen hatte, in derselben Weise. Wie hat sich nun dieses angesehene Blatt dieser Sache gegenüber benommen? Zuerst 8 Tage lang gar nicht, denn es brachte gar keine Besprechung dieser Angelegenheit. Da muss aber jemand das Blatt aufmerksam gemacht haben, dass dies nicht so weiter gehen kann. Es kam dann wirklich ein Artikel, worin stand, die Zeitung hätte eigent-