Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 oder nicht vielmehr dadurch, dass wir nur dort freudig mitgehen, wo etwas Vernünftiges geschieht? Unsere Culturthat als Juden hätte gerade darin bestehen müssen, dass wir nicht überall die nationale Dummheit mitmachen, sondern auf die Leute mässigend einzuwirken hätten. Das heisst aber die Assimilation leugnen, denn die Forderung der Assimilation bedeutet eine bedingungslose Entäusserung. Habe ich von meiner Umgebung nach gewissenhafter Prüfung eine Anschauung übernommen, so habe ich mich nicht assimiliert; ich habe sie angenommen, weil sie gut und nicht, weil sie deutsch war, und ich würde genau in derselben Weise etwas übernehmen was französisch oder englisch ist. Also die Assimilation ist ein Act der Entäusserung, und als solcher ist er gegen die Natur, denn jedes Geschöpf hat den Naturtrieb, seine Eigenart zu erhalten und zu bewahren. (Beifall.) Etwas Aehnliches, meine Damen und Herren, kommt auch sonst in der ganzen Naturgeschichte nicht vor. Wenn aber auch das Wort aus der Naturgeschichte kommt, so ist es falsch verstanden. Ich will nämlich sagen, dass in der Naturgeschichte „Simili" „Affe" heisst (Heiterkeit) und dass also, Assimilation" „Nachäffung" heissen würde. Das ist nicht die richtige Ethymologie. Das Wort kommt von „Similis" und heisst „ähnlich", wobei man allerdings den Herren Philologen die Untersuchung der Frage überlassen muss, ob nicht ein tiefer Sinn darin liegt, dass „ähnlich" und „Affe" denselben Stamm haben. (Heiterkeit.) Man spricht bei der Assimilation in naturwissenschaftlichem Sinne, zum Beispiel" von der Assimilation der Nahrung, aber das, was dabei assimiliert wird, ist etwas Todtes, nicht etwas Lebendes, und es assimiliert sich nicht selbst, sondern es wird assimiliert, also genau der entgegengesetzte Sinn, in dem man hier davon spricht. Auch das Chamäleon, das die Farbe der grünen Bäume anzunehmen pflegt, um seinen Verfolgern zu entgehen, ist kein Assimilant. Wenn ich dieses freundliche, harmlose Thierchen einer Classe von Glaubensgenossen zu vergleichen hätte, so möchte ich es mit jenen vergleichen, die sich nicht zu erkennen geben wollen. (Heiterkeit.) Aber um ein richtiger Assimilant zu sein, fehlt ihm das Aggressive. Es stellt sich nicht auf den Standpunkt, in dem Momente, wo es grün geworden ist, alle anderen Thiere anzugreifen, welche nicht ebenfalls grün geworden sind. Und weit entfernt, seine Eigenart aufgeben zu wollen, nimmt es die Farbe der Bäume aus Selbsterhaltungstrieb an. Dadurch, dass der Assimilant nicht Herr seiner eigenen Meinung ist, sondern andere Leute nachahmt, ist er ein excentrischer Mensch, denn er hat sein geistiges Centrum nicht in sich, sondern im anderen Menschen, und weil er den geistigen Schwerpunkt nicht in sich hat, ist es kein Wunder, dass er so oft geistig umfällt. Als Nachahmer kommt er immer um eine Idee zu spät,