Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ß-;-r/;.^-'^: ' ■ 3 „Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der ehrenvollen Aufforderung Ihres Vorstandes habe ich mit grosser Freude Folge geleistet. Die Ansprache, mit welcher der verehrte Herr Vorsitzende sein Amt angetreten hat, und der freudige Beifall, den diese Ansprache bei Ihnen gefunden hat, war mir ein Beweis, dass eine Uebereinstimmung zwischen der Auffassung in der „Union" und der meinen herrscht. Eine solche ist aber nothwendig, damit die Worte des Redners ihren Widerhall im Herzen der Zuhörer finden. Meine verehrten Damen und Herren! Mit Ihrer freundlichen Erlaubnis werde ich meinen Vortrag sitzend abhalten. Wie ich gehört habe, besteht in dieser Beziehung keine feststehende Praxis; ein Theil der Redner sitzt, ein anderer Theil steht. Wenn ich mich nun für das Sitzen entschlossen habe, so war erst in zweiter Reihe die Rücksicht auf meine Bequemlichkeit massgebend; in erster Reihe aber das Gefühl, dass man sich darnach zu richten habe, ob jemand über viel Pathos verfügt oder nicht, denn wenn Einer auf den Tisch schlägt und schreit: „Nieder mit diesem Menschen!" so ist es komisch, wenn er hierbei sitzt. Wenn ein Redner aber, so wie ich, nur plaudern will, so muss er sitzen. (Heiterkeit und Beifall.) Meine verehrten Damen und Herren! Die Rechte und Pflichten, über welche ich zu Ihnen sprechen will, sind die Rechte und Pflichten der österreichischen Juden. Ich möchte nun auseinandersetzen, worin diese Rechte und Pflichten bestehen, ob diese Rechte und Pflichten stets erfüllt worden sind oder geschätzt wurden von den Juden selbst, und von einer unparteiischen Regierung, und ob schliesslich die Rechte geachtet worden sind von Ihren Mitbürgern. Es scheint vielleicht anmassend, dass ich als Fremder über diesen Gegenstand sprechen will, der Ihnen weit näher liegt, als mir und über welchen Sie eine grössere Kenntnis besitzen. (Widerspruch.) Aber, meine Damen und Herren, wenn ich an dem Spiele der politischen Kräfte nicht Antheil genommen habe, so habe ich als aufmerksamer Kiebitz doch dem Spiele gefolgt, und, wie Sie wissen, ist der Kiebitz weit besser in der Lage, ein Spiel zu beurtheilen, als derjenige, welcher von der Aufregung des Spieles ergriffen ist. Vielleicht kommt auch die Unbeliebtheit der Kiebitze (Heiterkeit) theilweise daher, dass sie eben recht haben, denn der Kritiker, der recht hat, ist meistens unbeliebt. Nun, meine Damen und Herren, wenn ich mir erlauben will, eine freimüthige Kritik an manchem zu üben, was sich in Oesterreich ereignet hat, so können Sie versichert sein, dass ich bei dieser Kritik niemals vergessen werde, dass ich als Gast bei Ihnen auf österreichischem Boden weile. Selbst da, wo meine Kritik vielleicht auf falschen Schlüssen beruht — das wird häufig der Fall sein — mag vielleicht Ihnen die eine oder