Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 4 (4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Wenn die Interpellanten den Ministerpräsidenten fragen: „Wie ist es zu rechtfertigen, dass, wie aus dem Thätigkeitsberichte des Vereines hervorgeht, den Forderungen desselben in allen hier in Frage kommenden Fällen ausnahmslos Rechnung getragen wurde?u so ist die Antwort von selbst gegeben, denn wir haben niemals etwas anderes verlangt, als dass die geltenden Gesetze auch dann angewendet werden sollen, wenn sie den Juden Schutz gegen Ungebür und Gewaltthat gewähren. Es ist allerdings traurig und bezeichnend für unsere Zustände, dass ein derartiger Rechtsschutz-Verein zur Notwendigkeit geworden ist und dass derselbe, so oft in die Lage kommt, antisemitische Uebergriffe abwehren zu müssen. Insolange dies der Fall ist, werden wir gegenüber jeder einzelnen Rechtsverletzung von unseren staatsbürgerlichen Rechten zum Schutze unserer bedrohten Glaubensgenossen Gebrauch machen und, wenn dies nöthig ist, auch wiederum „ein Wort an den Minister" richten, falls die untergeordneten Behörden ihre gesetzliche Pflicht nicht erfüllen. Wir werden uns bei dieser Wirksamkeit auch nicht durch die hämische Kritik jener Glaubensgenossen beirren lassen, welche gegen uns das Schlagwort ins Treffen führen, dass das Geheimnis die Bürgschaft des Erfolges sei, aber hinter diesem Schlagworte lediglich ihre eigene pflichtwidrige Unthätigkeit und ihre eigenen Misserfolge zu verbergen suchen. Rechte und Pflichten der österreichischen Juden. Unter diesem Titel hielt Samstag den i. März Herr Rechtsanwalt Dr. Heinrich Meyer- Cohn, einer der angesehensten Führer der deutschen Judenschaft, vor einer zahlreich besuchten Versammlung der „Oesterreichisch - Israelitischen Union" einen geistvollen, von gründlichem Verständnisse der politischen Zustände Oesterreichs zeugenden Vortrag. VicepräsidentProfessor Dr. Ehrmann eröffnet die Versammlung mit folgender Ansprache: „Meine verehrten Damen und Herren! Im Auftrage des Vorstandes der Oesterreichisch-israelitischen Union begrüsse ich aufs herzlichste Sie alle, die erschienen sind, um den Worten unseres verehrten Gastes zu lauschen. Wir wissen alle, welch hohe Auffassung er in seinen literarischen Arbeiten vom Wesen des Judenthums hegt, wir wissen auch, wie er immer und jederzeit für die Wahrheit dieser Erkenntnis gekämpft hat und welch glänzende Klinge er führt. Wir danken ihm dafür, dass er heute nach Wien gekommen ist, um uns durch seinen Rath und seine Meinung in dem schweren, ja doppelt schweren Kampfe, denn wir in Oesterreich um die Wahrheit führen, zu unterstützen. Wir danken ihm hierfür nochmals." (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Heinrich Meyer-Cohn (mit lebhaftem Applaus begrüsst):