Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Schäftsleute zu ruinieren und Herren des Marktes zu werden. Und alle diese Leute sind Juden. Es ist eine hübsche Farce, die jüdische Solidarität. Jeder sucht auf gute Art seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das ist alles/' Die Ursache des Streiks war folgende: In den meisten Werkstätten hatte man den Arbeitgebern einen Stücktarif angeboten. Die meisten willigten ein, Zugeständnisse zu machen. Ein einziger Fabrikant weigerte sich, selbst Kenntnis von dem Tarif zu nehmen. Wegen dieses schroffen Benehmens streikten die Arbeiter jener Werkstätte, während der Arbeitgeber die Syndicats- Kammer seiner Collegen einberief, die, 23 an der Zahl, beschlossen, vom 13. September an alle ihre Werkstätten zu schliessen. Auf diese Kriegserklärimg antworteten die Arbeiter mit dem Generalstreik, der am 12. September beginnen sollte, einen Tag vor dem von den Arbeitgebern festgesetzten Datum. Die Forderungen waren kurz folgende: 1. Zehnstündiger Arbeitstag. 2. Die Arbeiter jeder Werkstätte werden ihren Arbeitgebern einen Tarif betreffs des Preises der Handarbeit überreichen^ der sogleich in Kraft tritt. 3. Der Minimallohn für die Appreteure beträgt 7 Francs. Diejenigen, die auf Stück arbeiten, werden ihren Tarif noch vorlegen. 4. Die Arbeitgeber verpflichten sich, ausnahmslos alle Arbeiter wieder einzustellen etc. Der Streit ist im Augenblick, in dem wir unsere Studie schreiben, noch nicht beigelegt. Aber man versichert uns, dass die kleineren Fabrikanten nichts mehr wünschen, als sich mit den Streikenden zu verständigen. Die grossen Häuser allein suchen noch Ausflüchte. Wir haben die Diamanten- Industrie als diejenige erwähnt, die einen grossen Procentsatz von jüdischen Arbeitern beschäftigt; es sind ungefähr 80 Percent nach den Mittheilungen der Syndicatsmitglieder. Sie streikten zur selben Zeit wie die Mützenmacher. Die Ursache des Streiks war folgende: Seit zwei Jahren, der Dauer des Transvaalkrieges, ist der Preis der ungeschliffenen Diamanten bedeutend gestiegen, so dass die Arbeitgeber wenig oder gar keine einkauften. Die Diamanten-Arbeiter mussten daher feiern. Diese Arbeits-Einstellung dauert schon mehrere Monate. Kürzlich öffnete nun das Geschäftshaus M. . (ein jüdischer Besitzer) wieder seine Pforten den Arbeitern und bot, unbekümmert um die berühmte jüdische Solidarität, den Arbeitsuchenden einen Tarif an, der die Wochenlöh iie ungefähr um 10 bis 15 Frans herabsetzte. Die Arbeiter haben diesen Tarif nicht angenommen. Sie haben sich an die Syndicats-Kammer gewendet, diese hat sie unterstützt. Berichte sind eiligst ins Ausland gesandt worden. Das jüdische und katholische Syndicat der Diamantenarbeiter von Antwerpen schickt den Pariser Diamantenarbeitern wöchentlich 500 Francs. Man sagt gewöhnlich, dass die Diamantenarbeiter sehr bevorzugt seien, wegen ihres hohen nominellen Lohnes. Dies war der Fall vor etwa dreissig Jahren. Damals konnte ein Arbeiter wöchentlich sogar mehr als 1000 Francs verdienen. Heute hat sich die Situation völlig geändert. Nominell verdient der Arbeiter wöchentlich 1ÖÖ bis 120 Francs; aber man vergisst gewöhnlich zu erwähnen, dass er sich auf eigene Kosten den „boort", das Diamantenpulver zum Polieren der Steine anschaffen muss, was ihm wöchentlich 30 bis 40 Francs Kosten verursacht. Wir müssen noch hinzufügen, dass der Preis des „boort" sehr gestiegen ist, so dass der Verdienst bedeutend heruntergegangen ist. Ein guter Diamantenarbeiter verdient, alle Kosten abgerechnet, wöchentlich etwa 40 Francs. Die meisten erhalten aber selten mehr als 30 Francs pro Woche. Wenn man hier wieder die zahlreichen Arbeitseinstellungen in Rechnung zieht, so sind die Durchschnittslöhne hier, wie anderswo, lächerlich gering. Die Lage der Diamantenarbeiter ist also sehr kritisch. Die Arbeitgeber in dieser Industrie haben durchaus nicht das Recht, sich zu beklagen. Trotz der Krisis, die durch den Transvaalkrieg verursacht worden ist, ist nicht ein einziger Bankerott zu