Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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28 In Paris. Man schätzt die jüdische Bevölkerung von Paris auf ungefähr 50 000 Seelen; aber diese Zahl muss zu gering erscheinen, wenn man an die fortwährenden Auswanderungen der russischen und rumänischen Juden denkt. Von diesen 50 000 Juden, die in den Augen des leichtgläubigen Volkes Wucherer, Geldleiher, Speculanten und Blutsauger sind, gehören mehr als 40 000 dem Proletariat an und sind Arbeiter oder Bettler. Die übrigen sind Kaufleute> die den mittleren und wohlhabenderen Classen angehören. Eine geringe Anzahl nur besitzt Bank- oder Wechselgeschäfte. Einige leben von den Zinsen ihrer Millionen und beschäftigen sich mit archäologischen oder philologischen Forschungen. Die jüdischen Arbeiter hegen gegen kein einziges Gewerbe irgend welchen Widerwillen. (Wir haben das schon von den Russen und Rumänen gesagt.) In Paris sind sie meistens Mützenmacher, Kunsttischler, Schreiner, Schneider, Schuhmacher, Gummiarbeiter, Diamantenarbeiter,, Kürschner u. s. w. Wir wollen einige Mittheilungen über die Mützenmacher, die durch den Generalstreik im Monat September die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, geben. Vor zwanzig oder dreissig Jahren war die Mützenindustrie in Paris so unbedeutend, dass man diesen Artikel aus Deutschland bezog. Frankreich musste diese Waren einführen, jetzt führt es sie aus. Die jüdischen Arbeiter und kleinen Händler haben diese Industrie geschaffen, und ihnen hat sie die Entwicklung, deren sie sich jetzt erfreut, zu verdanken. Radfahrer und Motorfahrer der verschiedensten Sportclubs tragen diese von jüdischen Arbeitern hergestellten Mützen. Sie sind entzückt von ihnen. Das Syndicat der Mützenarbeiter, das seinen ständigen Sitz in der Arbeitsbörse (4. Etage, Bureau 31) hat, zählt mehrere hundert Mitglieder. Aber man schätzt die Zahl der Mützenarbeiter auf 1000 oder 1200; fast alle sind Juden, die in Marais wohnen. Die Frauen sind viel zahlreicher unter ihnen vertreten, als die Männer. Wenn nicht fünf oder sechs Monate, auf die wieder viele üeberstunden folgen, gefeiert würde, so würde dies Gewerbe noch eines der einträglichsten sein. Aber hier muss man, wie bei so vielen Industriezweigen, mit der todten Saison rechnen, so dass der durchschnittliche Lohn 4 bis 4,50 Francs beträgt. Was die Frauen betrifft, die sich besonders mit der vollständigen Fertigstellung der Ware beschäftigen, so verdienen sie durchschnittlich 2 bis 2,25 Francs. Das ist wenig bei einem Gewerbe, das zu den Luxusindustrien gehört, und wobei der Handwerker auf eigene Kosten sich Handwerkszeug im Werte von 200 Francs anschaffen muss, für dessen Instandhaltung er jährlich noch mindestens 40 Francs ausgeben muss. Fügen wir noch hinzu, das der Beruf als Mützenarbeiter sehr gesundheitsschädlich ist. Die Werkstätten, in denen 4, -6, 10, 15 und 20 Personen zusammen arbeiten, sind äusserst ungesund, wegen des -Mangels an frischer Luft, wegen der Feuchtigkeit und der Armseligkeit der Localitäten. xYusserdem verursacht der schädliche Staub und Dampf, der bei der Appretur der Mützen entsteht, ernstliche Störungen der Athmungsorgane, was man schon aus den, völlig bleichen Gesichtern der Arbeiter und Arbeiterinnen erkennen kann. Fälle von Lungenschwindsucht sind bei diesen Arbeitern sehr häufig, und das ungeregelte Leben trägt viel dazu bei, sie noch zu vermehren. Wir haben erwähnt, dass die jüdischen Mützenarbeiter in Ausstand getreten waren. Hierzu muss bemerkt werden, dass fast alle Arbeitgeber Juden sind. „Die Rassenf rage", sagte mir ein Arbeiter. ..ist ganz nebensächlich. Alles tritt vor den Sonderinteressen zurück. Man muss Journalist sein, d. h. nichts von den Arbeitsverhältnissen verstehen, wenn man glaubt, dass ein Arbeitgeber auf die Religion seiner Beamten oder Arbeiter Rücksicht nimmt. Es beruht alles auf Gegenseitigkeit. Sehen Sie, in diesem Augenblicke sind wir im Streite mit unseren Arbeitgebern, welche Juden, wie wir, sind; aber unsere Arbeitgeber haben Mühe, sich selbst untereinander zu verständigen. Die Grosshändler möchten den Conflict gern vergrössern, um die kleinen Ge-