Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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27 richten lassen wollen, mögen vernehmen, dass eine jüdische Bevölkerung, die beständig wächst, in den Provinzen Algier, Oran und Constantine zu finden ist. Wir wollen einige markante Thatsachen anführen. Man behauptet, dass -die Juden im Besitze der Aemter und Verwaltungen sind. Von 17843 Beamten sind aber nur 256 Juden. Führen wir einige Einzelheiten an. Es gibt beim Appellationsgerichtshofe in Algier 29 französische Käthe, von denen einer ein Jude ist; 9 Kanzlisten und Gehilfen, von denen keiner Jude ist; 3 Dolmetscher, von denen auch keiner Jude ist; und 7 Rechtsanwälte und Vertheidiger, von denen ein einziger Jude ist. 101 Präsidenten und Richter der Civilgerichtshöfe, darunter kein* Jude; 37 Staatsanwälte und deren Gehilfen, darunter auch kein Jude. Unter 91 Notaren sind nur 4, unter 111 Gerichtsvollziehern 10 Juden. Bei der Registratur sind 170 französische Beamte beschäftigt; kein einziger von ihnen ist Jude. Von 142 Friedensrichtern sind 2 Juden, von 48 Gerichtsschreibern 4 Juden.19) Es gibt in Algerien unter den Juden eine Arbeiterbevölkerung, eine industrielle Bevölkerung, eine grosse Zahl von Handelsleuten, die zu den mittleren Ständen gehören, und eine kleine Handelsaristokratie. Um diese starke Partei zu bekämpfen, hat die antisemitische Stadtverwaltung von Algier eine stetig wachsende Steuer für die Buden und Plätze, deren die kleinen Kaufleute und Hausierer bedürfen, eingeführt. Ein Hausierer, der 2, 3, 4 Meter für seinen Stand braucht, muss den Meter mit 1,50 oder 1,80 Frcs. bezahlen, während die grossen Auslagen der Magazine nur 25 und 30 Centimes pro Meter kosten. Ferner hat die Stadtverwaltung die Entlastung der Häuser, die weniger als 300 Frcs. Miete kosten und die hauptsächlich von Juden bewohnt werden, verhindert. Und in der That gibt die Statistik der jüdischen Haushaltungen in Algier 700 Familien an, die nur je in einem einzigen Zimmer wohnen; in Oran gibt es 135Ö Bedürftige; in Constantine hausen 780 Familien von durchschnittlich 5 Personen nur in je einem einzigen Räume. Eine markante Thatsache ist, dass die Hauptbesucher der Wohlthätigkeitsanstalt Juden sind, so dass deren Verwaltung sich veranlasst sah, ihr Büreau ins Judenviertel zu verlegen. Die armen Juden in Constantine kennen nur die bekannten Berufe, wie Klempner, Flickschuster, Schneider, Juweliere. In elenden Buden wohnend, fertigen sie nur ganz minderwertige Artikel an. (Ihre Kunden sind hauptsächlich Araber und Juden.) Sie werden durch die Concurrenz der Mohammedaner und besonders der grossen Handelshäuser, die die Rohmaterialien zu niedrigem Preise kaufen und in der todten Saison die Arbeiter mit einem Spottpreise entlohnen, vollständig ruiniert. Manche verdienen nur 3—5 Frcs. wöchentlich; die Glücklichsten erhalten nicht 2 Frcs. täglich. Man kann bemerken, dass die jüdischen Arbeiter ihre gewohnte Mässigkeit, die sie dazu trieb, die Sittenlehren zu achten, zu vergessen beginnen. Der Europäer hat ihnen seinen Alkohol gebracht, um ihnen (wie den anderen Völkern, die er zivilisiert), das notlrwendige Reizmittel zu geben, das die natürliche Energie, die aus genügender Nährung, Ruhe und Wohlsein hervorgeht, ersetzt. Abgesehen von einer kleinen Zahl von Cigarren- und Kissenarbeiterinnen, die im Maximum 2 Francs täglich verdienen, sind die jüdischen Frauen in Constantine entweder Dienerinnen oder Gandourah-Schneiderinnen. (Gandourah ist ein arabisches Hemd aus Baumwollenzeug.) Die Herstellung der Gandourahs beschäftigt eine grosse Zahl von Arbeiterinnen. Aber ihr Lohn, der durch die europäische Concurrenz und die überschüssige Zahl an Arbeitskräften sehr herabgedrückt worden ist, ist lächerlich gering. Ein Gandourah bringt ungefähr 10 Centimes ein. Eine geschickte Arbeiterin, die nicht zu sehr durch die Sorgen des Hauses von der Arbeit abgehalten wird und die mit der Maschine arbeitet, kann täglich 7—8 Gandourahs fertigstellen, im Maximum also vielleicht 14 bis 16 Sous20) pro Tag verdienen. Wir wollen noch hinzufügen, dass diejenigen, die diese Arbeiterbevölkerung beobachtet haben, wissen, dass die Gandourah-Schneiderinnen bei Strafe des Arbeitsverlustes sich allen Launen d^r arabischen Arbeitgeber zu fügen haben.