Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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26 die jüdischen Handwerker in einer elenden Lage und in der Stadt Posen z. B, gibt es ein grosses jüdisches Proletariat.16) In Holland liegt die Diamanten-Industrie, deren Centrum Amsterdam ist, hauptsächlich in den Händen von jüdischen Grosskaufleuten und die meisten der von ihnen beschäftigten Arbeiter sind Juden. Seit einigen Jahren hat sich das Verhältnis jedoch etwas verschoben. Wir lassen eine Tabelle der Arbeiter nach ihren verschiedenen Branchen folgen. Soloweitschik stellte sie nach Mittheilungen zusammen, die er von Hermann Kuijper, dem Secretär der General- Union der niederländischen Diamanten-Arbeiter, erhalten hatte. Daraus ergibt sich, dass von 100 Arbeitern etwa 60 Juden sind. Es folgen Mittheilungen, die der Verfasser des „Verkannten Proletariats" von Kuijper erhalten hat: Das Sweatingsystem herrscht bei den Rosettenschleifern. Vor fünfundzwanzig Jahren beschäftigte man in diesem Gewerbe nur Männer. Das Fallen der Löhne bewirkte, dass der Rosettenpolierer, der in der eigenen Wohnung arbeitete, Gehilfen annahm und zwar gewöhnlich junge Mädchen, die in einigen Monaten zu Arbeiterinnen ausgebildet wurden, die aber wöchentlich höchstens 1, 2 und 3 Gulden17) verdienten. Diese jungen Arbeiterinnen, die sehr niedrige Löhne gewöhnt waren, versuchten, direct vom Fabrikanten Arbeit zu bekommen, indem sie noch viel niedrigere Preise verlangten, als ihre ehemaligen Lehrherren erhalten hatten. Die Fabrikanten konnten sich nichts Besseres wünschen, und nach einiger Zeit fiengen diese Arbeiterinnen ihrerseits an, Gehilfinnen anzunehmen. Die Löhne fielen allmählich und nach einigen Jahren gaben die Arbeiter, die mit den Frauen nicht concurrieren konnten, das Gewerbe vollständig auf und wurden Brillantenpolierer. Gegenwärtig gibt es nur zwei Rosettenpolierer. Die Arbeit wird gewöhnlich in Dachstuben und Kellern verrichtet, oft in Räumen, in denen die ganze Familie der Arbeiterin haust. Es muss oft gefeiert werden, und die Dauer der Arbeitszeit richtet sich nach der Saison. Die meisten der Poliererinnen arbeiten allein oder mit etwa zwei bis zehn Arbeiterinnen von sechs bis sieben Uhr morgens bis Mitternacht. Oft und besonders Donnerstags wird von sechs Uhr morgens bis zwei oder drei Uhr nachts gearbeitet. Das wöchentliche Einkommen schwankt zwischen zwei und acht Gulden. Bis in den letzten Jahren war das religiöse Gefühl in dem jüdischen Arbeiter sehr entwickelt; aber seit einiger Zeit lässt es bedeutend nach. Der jüdische Arbeiter hat sich vollkommen dem christlichen angepasst. Sie sind beide arm, und sie unterscheiden sich nur durch die Art und Weise, wie sie ihr Geld ausgeben. Die jungen jüdischen Arbeitermädchen verheiraten sich mit siebzehn oder achtzehn Jahren; aber in den letzten Jahren ist die Zahl der Eheschliessungen bei den jüdischen Arbeitern sehr zurückgegangen. Nach den Mittheilungen, die ich von Fabrikanten erhalten habe, wird der jüdische Arbeiter, der sehr regelmässig arbeitet, dem christlichen, der es mit der Erfüllung seiner Pflicht nicht so genau nimmt, vorgezogen. Ausser den Diamanten-Arbeitern gibt es in Amsterdam auch noch andere jüdische Handwerker und Arbeiter. In den Fabriken gibt es wegen der Sonnabendsarbeit fast gar keine jüdischen Arbeiter. Die meisten Handwerker sind Schneider, Zimmerleute, Schuhmacher, Cigarrenmacher etc. In Amsterdam leben viele jüdische Arbeiter unter dem Sweatingsystem. Ihre Lage ist sehr elend. Sie arbeiten 15 Stunden täglich und verdienen wöchentlich kaum 5 bis 10 Gulden. Die Frauen erhalten nur 2 bis 6 Gulden wöchentlich. Die Schneider, die bei ihren Auftraggebern arbeiten, befinden sich in etwas besserer Lage. Sie verdienen 12 bis 14 Gulden wöchentlich.18) In Algerien. Wir wollen über die Lage der Juden in Algerien wenige Worte verlieren. Diejenigen, die sich auf Grund von Thatsachen und nicht von Polemiken unter-