Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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24 haben sie für einen minimalen Lohn gearbeitet und das sweating System wie in London und an anderen Orten, ertragen müssen. Wir lassen nun einen Auszug aus einem Berieht des Inspeetors des jüdischen Viertels folgen: „Die Inspection hat ergeben, das die von Juden bewohnten Häuser unbequem, feucht, ohne Wasserleitung, reparaturbedürftig und vom sanitären und hygienischen Standpunkte aus sehr ungesund, dass die Zimmer feucht, schmutzig, stinkend, eng und finster sind. Der gesundheitliche Zustand der Bewohner ist sehr schlecht. Für die Kinder ist die Lage äusserst gefährlich. Bei den häufigen ansteckenden Krankheiten sterben sie wie die Fliegen. Der Lohn der meisten Bewohner übersteigt nie das Minimum. Die Nahrung ist gewöhnlich verfälscht und ungenügend. Die Kinder müssen mitarbeiten. Sie helfen ihren Eltern" bei der Cigarrenfabrication oder bei der Schneiderei, oder sie gehen schon mit sechs oder sieben Jahren in die Fabriken, die sie physisch aussaugen, geistig tödten und moralisch verderben.11) Im Jahre 1897 wollte man im Staate New-York gegen das sweating System ein Verbot erlassen. Es war alles vergebens. Man hatte dieses Experiment schon in Philadelphia versucht, wo die Vorschriften in hebräischen Lettern gedruckt worden waren. Aber die Arbeitgeber zogen in den Nachbarstaat (New-Jersey), wo solche Gesetze noch nicht existierten. Folgen wir nun einigen von Paris gelieferten Berichten. In der Hemden- Confection werden für ein Dutzend Hemden 40 Cents12) gezahlt. Hiervon gehen noch 6—8 Cents für den Knopfmacher, den „Specialisten", der die letze Hand ans Werk legt, usw. ab. Ein geschickter Arbeiter kann täglich vier Dutzend Hemden fertigstellen. Die Knaben verdienen gewöhnlich 1,25 Dollar, die Mädchen 3—5 und die Männer 3—7 Dollars wöchentlich. Bei den Cigarrenarbeitern ist die Situation mindestens ebenso traurig. Seit der Einführung der Maschinen und der Verwendung von Frauen und Kindern verdient ein Arbeiter 2—5 Dollars wöchentlich. Im Jahre 1895 arbeiteten allein in Philadelphia 20 000 Juden in den Schneiderwerkstätten oder in den Cigarrenfabriken. In Pitsburg gab es 3 bis 4000 jüdische Cigarrenarbeiter, in Detroit 8000 jüdische Arbeiter, Schneider, Schuhmacher, Cigarrenarbeiter usw. In Saint- Louis sind sie Schneider, Glaspolierer und Flickschuster; in Louisville Schneider und Cigarrenarbeiter. Ausser den Arbeitern, die unter dem sweating System stehen, gibt es noch viele jüdische Arbeiter, die Mützenmacher, Zimmerleute, Tischler, Graveure, Schlosser, Dachdecker usw. usw. sind. In verschiedenen Städten, z. B. in Elisabeth Port, in Chicago, in Philadelphia, Portland und an anderen Orten der Staaten Connecticut und Massachussets ist die Zahl der jüdischen Arbeiter sogar grösser, als die der anderen Confessionen.13) Man inuss hierbei betonen, dass alle diese Zahlen wegen der fortwährenden Einwanderungen noch viel zu niedrig gegriffen sind. Die jüdischen Arbeifer sind anders organisiert, als in England angenommen wird. Die „Berichte" geben die Listen der bedeutendsten jüdischen Arbeitervereinigungen an. Es gibt deren mehr als dreissig. Mehrere haben sich den „United Hebrew Trades" (Vereinigte jüdische Gewerkschaften) angeschlossen, die eine Section der „Socialiste Labour Party" (Socialistische Arbeiterpartei) sind. Die jüdischen Zimmerleute und Tischler von New-York, Chicago und Boston haben sich mit der „United Brotherhood of Parpenters and Joiners", die etwa 70 000 Mitglieder zählt, vereinigt; andere sind der „Cigar Makers International Union", die 30 0Ö0 Mitglieder stark ist, beigetreten. G. M. Prais führt auch noch eine Beihe von im jüdischen Jargon geschriebenen Zeitungen in New-York an, wie die „Arbeiter-Zeitung", die „Freie* Arbeiter-Stimme" usw. Es gfbt ungefähr ein Dutzend solcher Zeitungen, ohne die von Chicago, Philadelphia, Boston usw. mitzuzählen.