Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 an dessen Vater. Als Aloisa Kreysova von dem Verschwinden der Schwester erfuhr, äusserte sie sofort: „Gewiss hat sie sich das Leben genommen." Ebenso sagte der am folgenden Tage eingetroffene Vater: „So wahr ich lebe, so wahr hat sie sich das Leben genommen!" Darüber befragt, wie er zu dieser Vermuthung gelange, erklärte er: „Ihr Liebhaber ist ja schon drei Monate verheiratet". Die sofort eingeleitete polizeiliche und gerichtliche Untersuchung stellte Folgendes fest : Marie Kreysova hatte ein Verhältnis mit einem gewissen Z a r u b a, Reisenden der Leitmeritzer Kerzenfabrik H 1 a d i k a, und befand sich im sechsten Monate der Schwangerschaft. Kurz vor ihrem Versen winden hatte sie erfahren, dass Zaruba, der ihr die Ehe versprochen hatte, seit drei Monaten verheiratet sei. Seither war sie lebensüberdrüssig und äusserte gegen mehrere Personen Selbstmordabsichten. Die Marie Tychotova forderte sie auf, mit ihr gemeinsam zu sterben, und als diese auf den vermeintlichen Spass nicht eingieng, erklärte ihr die K r e y s o v a sehr ernsthaft: „Dann wirst Du mich beerben." Bei der im selben Hause bei Adolf Steiner bediensteten Marie Hruskova erkundigte sie sich um die schnellste und leichteste Todesart. Diese antwortete ihr : „Ertrinken, man schluckt drei Engel hinunter und ist todt." Auch gegen die gleichfalls bei Adolf Steiner bedienstete Bonne Frl. Anna Sei dl äusserte die Kreysova Selbstmordgedanken. Die Marie Tjychotova gibt an, die Kreysova habe in der Waschküche böhmische Lieder gesungen, die alle vom Ertrinken handelten. Oscar Pick hatte auch auf eine sofortige polizeiliche Revision des ganzen Hauses gedrungen, die im Beisein der Schwester vorgenommen wurde, ohne einen Anhaltspunkt zutage zu fördern, wohin das Mädchen gekommen sei. In ihrem Koffer befanden sich fl. 105 an Bargeld und einige Pretiosen, welche Vater und Schwester untereinander theilten. In den ersten Tagen nach dem Verschwinden des Mädchens wurde Oscar Pick von Freunden und Bekannten im Kaffeehause nur in Spasse gehänselt, er habe einen „Ritualmord" verübt. Allmählich wurden solche Aeusserungen weiter getragen und von ungebildeten Leuten ernst genommen. Oscar Pick hat gegen alle ihm bekannt gewordenen Verbreiter der Verleumdung die Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Leitmeritz wegen Uebertretung des § 308 St.-G. (Verbreitung falscher beunruhigender Gerüchte) erstattet, und es wurde infolge dessen, da sich immer einer auf den anderen berief, die Untersuchung auf 20—30 Personen ausgedehnt. Nach diesem Sachverhalt stellen wir fest: 1. Die Angaben der Zeugen begründen die grösste Wahrscheinlichkeit, dass Marie Kreysova wegen der Untreue ihres Liebhabers sich freiwillig durch Ertränken in der Elbe das Leben genommen hat. 2. Die Behauptung der Interpellanten, dass die Behörde über das Verschwinden des Mädchens keine Vorerheburigen gepflogen habe, ist absolut unwahr. Die Untersuchung wurde vom k. k. Bezirksgerichte Aussig durch den Adjuncten Dr. Aschenbrenner in sehr umstand-