Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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16 Aus unserem Rechtsschutz-und Abwehr-Bureau. Der „Ritualmord" des Abgeordneten Eisenkolb. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 14. Februar d. J. haben die Abgeordeten Dr. Eisenkolb und Genossen folgende Interpellation an den Justizminister eingebracht: „Mitte Jänner 1902 verbreitete sich in Aussig das Gerücht, dass ein junges christliches Dienstmädchen des jüdischen Kleiderhändlers Oscar Pick in Aussig auf räthselhafte Weise verschwunden sei und dass ein Ritualmord vorliege. Dieses Gerücht erwähnte auch die „ Aussig-Kar bitzer Volkszeitung* vom 29. Jänner 190J in folgender Mittheilung: „Der isrealitische Kleiderhändler Moritz Pick hatte, wie schon bekannt ist, das Unglück, dass ein in seinem Hause bedienstetes christliches Mädchen spurlos verschwunden ist. Nun verbreiteten sich bedauerlicherweise in der Stadt hartnäckig diesbezüglich die abenteuerlichsten Gerüchte. Wir wären unserem israelitischen Mitbürger sehr verpflichtet, wenn er durch eine beruhigende Erklärung — etwa im „Volksrecht", „Aussiger Anzeiger" oder in Bloch's rühmlichst bekannter Wochenschrift — den schauerlichen und schier fabelhaften Gerüchten die Spitze abbräche. Wir leben in Aussig mit unseren israelitischen Mitbürgern in so schöner Eintracht, dass es uns nicht gleichgiltig sein kann, wenn dieses gemüthiiche Verhältnis durch böswillig ausgesprengte Verleumdungen gestört würde. Hermann Böhm. Wir geben dieser Zuschrift unseres geschätzten Gesinnungsgenossen umso lieber Raum, als auch wir selbst trotz festen Glaubens an die Tugendhaftigkeit der Herren Israeliten durch die umherschwirrenden Gerüchte beunruhigt sind. Die Schriftleitung." Es sollen bereits eine grosse Anzahl von Personen, gewiss mehr als 20, und wie verlautet, sogar gegen 300 wegen Vergehens nach § 308 St.-G. angezeigt worden sein, ohne dass bisher die Staatsbehörde über das räthselhafte Verschwinden dieses Mädchens Klarheit geschaffen und diesfalls Vorerhebungen gepflogen haben soll, da hierüber in der Oeffentlichkeit nichts verlautet. Bei dieser Sachlage erlauben sich die Gefertigten an Seine Excellenz den Herrn Justizminister die Anfrage zu richten: „,Ob derselbe geneigt ist, den nöthigen Auftrag zu ertheilen, damit über das Verschwinden dieses christlichen Dienstmädchens die nöthige Aufklärung und Klarstellung erfolge und etwaige Schuldtragende der gebürenden Strafe zugeführt werden."" Unsere sofort an Ort und Stelle gepflogenen Erhebungen ergaben folgendes Resultat: Am 5. Jänner d. J. verschwand die im Hause des Kleiderhändlers Oscar Pick in Aussig — eines allgemein geachteten und wohlhabenden Mannes — bedienstete Marie Kreysova, nachdem sie tagsüber bis 5 Uhr abends in der Waschküche beschäftigt gewesen und um diese Zeit ihre Mitbedienstete Marie Tychotova gebeten hatte, sie abzulösen. Seither ist jede Spur von ihr verloren. Herr Oscar Pick verständigte sofort die städtische Polizei und die Gendarmerie, sowie die im gegenüberliegenden Hause bedienstete Schwester Aloisia der Verschwundenen von dem Abgange des Mädchens und telephonierte auch