Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 In der alten Chirurgie galt der von Ambroise Pare ausgesprochene Satz: Mon frere, je t'ai opere, que Dieu te guerisse. Mein Bruder, ich habe dich operiert, Gott möge dich heilen! Wie die Dinge klar liegen, hätte der Satz eigentlich lauten sollen: Mein Bruder,ich habe dich operiert, Gott schütze dich vor meinen Händen! Denn nicht dem Messer sind die vielen Operierten zum Opfer gefallen, sondern der Hand des Chirurgen. Es war die Kunst der unreinen Hände. Welche sittliche Bedeutung die ThatSachen haben, geht aus der einfachen Erwägung hervor, dass heute, wenn eine Eiterung sieh zeigt, der Arzt in Angst geräth, weil ein Fehler geschehen sein musste, während früher einfach das Schicksal angeklagt wurde, wenn Pyämie oder Sepsis einen Kranken nach dem anderen hinraffte. Schicksal und Schuld sind die Stichworte dieser Wandlung. Um nur ein hierher gehöriges Beispiel anzuführen, so war es keine Seltenheit, dass der Operateur vorerst in der Leichenkammer irgend eine Untersuchung vornahm und sodann im Operationssaal den Kranken instrumenteil behandelte. Eesultat ein Misserfolg! Heute ist ein derartiger Vorgang verpönt und als höchst gefährlich bekannt. Da kam nämlich Lister und zeigte, dass die ganze Serie von üblen Zufällen der Wundbehandlung, die sogenannten Wundkrankheiten, durch ein einziges Moment bedingt sind, nämlich durch Mikroben. Das sind pflanzliche und thierische Organismen. Ihre Keime sind in der Luft suspendiert, haften an Verbandstoff, Medicamenten, Instrumenten, Händen der Operateure; ja sogar im sogenannten reinen Wasser fehlen sie nicht. Die auf oder in der Wunde sich etablierenden und rasch vermehrenden Keime inficieren dieselbe und üben einen ungünstigen Einfluss auf den Wundverlauf. Wer den Mikroben den Zutritt zur Wunde verwehrt, erzielt Heilung ohne Eiterung, ohne Wundfieber, ohne jegliche Wundkrankheit. Keimfrei muss also die das Operationsfeld umgebende Luft sein, keimfrei müssen die Hände des Operateurs, seine Instrumente und alle anderen mit dem betreffenden Oigan in nähere oder nächste Berührung gelangenden Objecte sein. Diese alles durchdringenden Keime in entsprechender Weise zu zerstören, ist die erste Aufgabe des Arztes. Zur Erreichung dieses Zieles war daher ein genaues Studium jener Mikroben erforderlich. Ihr Nachweis, ihre Lebensfähigkeit, ihre Verbreitung, ihr Verhalten gegenüber Medicamenten, verschiedenen Temperaturen usw. mussten mit allen modernen Hilfsmitteln, der Bakteriologie, Mikroskopie, Mikrochemie u. dergl. erforscht werden. Wer die Waffen und Ausrüstung seines Gegners genau kennt und nicht unterschätzt, kann auf einen sicheren Sieg rechnen. Das gelang Lister und nach ihm, vor kaum einem Vierteljahrhundert, jenen Männern, welche dieses ebenso schwierige als erfolgreiche Feld cultivierten. Der Kampf gegen jene Mikroben, mit dem technischen Namen Antiseptik — Sepsis ist der Inbegriff der Wundkrankheiten — muss freilich mit Rücksicht auf die Allgegenwart und das rasche Gedeihen dieser pflanzlichen und thierischen Parasiten sehr exact sein