Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 3 (3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 H ü 1 s n e r verurtheilten, einen jener verhängnisvollen Justizirrthümer begangen haben, für welche es in der Geschichte aller Zeiten leider so viele Beispiele gibt. Antiseptik und Judenthum. Vortrag, gehalten in der Plenarversammlung der „Oesterreiehisch- Israelitischen Union" am 25. Jänner 1902 von Docent Dr. Josef Grünfeld. Das abgelaufene Jahrhundert war für die medicinische Wissenschaft sowohl in ihren Hauptzweigen als auch in den einzelnen Theilcn von epochaler Bedeutung. In den ersten Jahrzehnten -noch bewegte sich die Medicin auf mehr empirischen, philosophischen oder speculativen Bahnen, bis die Wiener medicinische Schule, in der glücklichen Gruppierung einer Anzahl von genialen Männern, eine neue Grundlage schuf, auf welcher ein herrlicher Bau zustande kam. So wurde die Umgestaltung der Medicin zu einer exacten Wissenschaft durchgeführt. Von Wien aus nahm die neue Bichtung ihren Weg durch die ganze Welt. Die dermalige Generation ist noch so glücklich, die Lehren jener Beformatoren direct empfangen zu haben. Einen der Haupt zweige der medicinischen Wissenschaft bildet die Chirurgie. Die Erfolge, die sie in der Jetztzeit zu verzeichnen hat, verdankt sie neben den enormen Fortschritten der Technik, der Methoden sowie der verschiedenen Hilfswissenschaften, insbesondere den drei der Neuzeit entstammenden Hauptbedingungen, nämlich der Narkose, der Blut sparung und der antiseptischen Wundbehandlung, Die Entdeckung dieser Methoden erfolgte etappenweise, und jede einzelne bildet einen Markstein in der Entwicklung der chirurgischen Kunst. Denn mit Becht kann man auf diesem Gebiete von Künstlern und Kunst sprechen. Für den Laien haben allerdings Narkose und Blutsparung die grössere Bedeutung. Die erstere spart den Schmerz, zieht einen für den Kranken dichten Schleier vor das gruselige Arbeitsfeld, und der Erwachende findet das Werk vollendet, während die Blutsparung augenscheinlich mit Erhaltung von Kraft und Stoff identisch erscheint, Anders ist es mit dem dritten Elemente der Operation, der antiseptischen Wundbehandlung. Diese jüngste Errungenschaft hat ihre Geburtsstätte in England. Ihr Vater heisst Joseph Lister. Vor dieser Entdeckung war die einfachste, sowie die grösste, geschickteste und gelungenste Operation vor unangenehmen Zufällen nicht bewahrt. Das so sehr gefürchtete Wundfieber konnte sich einstellen, Leben und Gesundheit waren bedroht. Die .grösste Uebung und meisterhafte Ausführung der Operation konnten eine Beihe von Nachkrankheiten nicht hintanhalten. Der Chirujg sah stets das Damoklesschwert über dem Kranken hängen, ohne die Ursachen der Gefahr zu kennen, die er so gerne beschworen hätte.