Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 2 (2.1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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11 auch der Adel schützt den Juden nicht davor, heimatslos zu werden. Vor einigen Monaten hat ein christlicher Professor uns ungemein wichtige und interessante Daten über das Haus geliefert, welches, wie Sie ja alle wissen, den Höhepunkt jüdischer Handelspolitik bedeutet — über das Haus Rothschild. Wenn das nicht staatliche Acten wären, wir könnten es nicht glauben, mit welcher Uneigennüizigkeit diese Juden die grössten Staaten Europas vor dem Bankerott und Ruin gerettet haben. Sie alle wissen am besten, ein Ehrencapitel in der Culturgeschichte der Menschheit verdienen die Nachkommen des Samson Werthheimer, die Wiener Familien von Wertheimstein und Königswarter, die eine grosse Zahl von bedeutenden Finanz- und Handelsmännern mit rastlosem Eifer, mit weitem Blicke und edelstem Patriotismus in ihren Reihen zählen. Ein Specificum hat aber der jüdische Kaufmann. Die kaufmännische jüdische Ehre hat sich ausgebildet, wie man sie bei anderen Völkern umsonst sucht. Der jüdische Kaufmann hat seine Ehre vertheidigt vor Königsthronen, auch durch Vertheidigung der jüdischen Wissenschalt und wer nicht selbst zur Feder griff, der hat tief in den Beutel gegriffen. Ein jüdischer Kaufmann vertreibt sich die Mussestunden durch eine Einleitung zum Talmud. Der andere macht eine Seereise und schreibt in seiner Mussezeit einen Commentar zur Bibel, der noch heute geschätzt wird. Welche glänzende Ahnenreihe, wTelche Gallerie uneigennütziger arbeitsamer Männer von Ibn Nagdela im II. Jahrhundert bis auf den Prager Mordechai Meisel, den Breslauer Jonas Fränkel und den Wiener Samson Wertheimer! Sie alle wünschen gewiss, dass dieses stolze Gefühl wieder erwachen und sieh fortpflanzen möge. Nun zum Kernpunkte unserer Plauderei. Was hat das Judenthum dazu gethan? Durch welche Form hat das Judentlmm dahin gestrebt, den jüdischen Kaufmann zu einer so individuellen Auffassung seines Berufes zu erziehen? Da steht im Vordergrunde das Wort Onnah (Uebervortheilung). Unter Uebervortheilung versteht man jede Täuschung eines anderen, jede Vorspiegelung falscher Thatsachen. Wer ist gaunev daas? Das ist jeder, der einen anderen zu einer falschen Voraussetzung verleitet oder ihn in dieser falschen Voraussetzung belässt. Ein Beispiel: Ein christlicher Käufer kommt zu einem jüdischen Fleischer. Der Jude muss nicht, aber darf seine Ware ihm verkaufen. Wenn nun der jüdische Fleischer seiner Kunde treffenes Fleisch verkauft — dem Christen kann es gleichgiltig bleiben — so ist er doch gaunev daas. Dies gilt gleich gegen Juden odor Nichtjuden.