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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-02-01 · 2 (2.1902) · p. Seite 10

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
2 (2.1902)
Date
1902-02-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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20 Wir stehen nun vor einer sehr wichtigen Frage. Was wurde aus den Juden, die von der Stadt aufs Land getrieben wurden? Mussten diese nicht zu Bettlern und Verbrechern werden? Doch nein, und das ist ein goldenes Blatt in der Geschichte Israels; hier zeigt sich der unverwüstliche Kern des jüdischen Volkes. Eine Kriegsregel sagt: Ein Heer soll nicht nur auf Sieg, sondern auch auf einen gedeckten Rückzug achten. Damals wurde der Jude das, was er bis heute mit Ehren geblieben, damals entstand die Figur des jüdischen Hausierers. Diesem jüdischen Hausierer hat Gustav Freytag ein Denkmal gesetzt. Er schildert den 30jährigen Krieg. Ueberall Noth, überall fehlt es, da ist der Jude der Retter; der verachtete von Dorf zu Dorf gehetzte Jude hat seine Gänge durch die Erde gegraben, er hat über Russland und Polen seine Fäden gezogen, von da sich dann ein grosses Netz ausspinnen liest. Aus diesem Schacherjuden sind bedeutende Finanz- und Handelsmänner entstanden. Der Schacher, zu dem der Jude damals verurtheilt wurde und die Kunst, aus alten Stoffen neue herzustellen, ist volksbildlich für die hohe Cultur Israels. Meine Verehrtesten! Aus diesen kleinen Finanzgenies, aus diesen Schacherjuden, die das Leben wirklich zu einer Kunst ausgebildet haben, die aus dem weggeworfenen Saatkorn den herrlichsten Weizen zu ziehen wussten, aus diesen wurde der Hofjude des 18. Jahrhunderts. Und wie diese Juden ihre Pflichten verstanden haben und wie sie Wohlthätigkeit übten und bis heute üben, ohne Unterschied der Confession, darüber ein Wort zu sagen, hiesse ihr Verdienst schmälern. Im Jahre 1680 unternimmt Wilhelm von Oranien seinen Zug nach England; kein einziger christlicher ßanquier gibt einen Pfennig her, aber ein Jude im Haag, Isak Lopeny Suasso. gibt das Geld, die Kleinigkeit von zwei Millionen Gulden, indem er sagt: „Wenn Ihr glücklich seid, so bekomme ich das Geld wieder, seid Ihr aber unglücklich, so soll es auch für mich verloren sein." Diesen Zug jüdischen Patriotismus berichtet ein Memoirenschreiber, den sie alle kennen, die Geschichte nennt ihn Friedrich den Grossen, Doch wtozu in die Feine schweifen? 1816 als in Wien die Hungersnoth wüthete, da wollte Kaiser Franz eine Privatanleihe aufnehmen um die Noth zu lindern. Merkwürdig — da findet sich wieder kein einziger arischer Banquier! Aber ein Jude gibt dem Kaiser die 300.000 Silbergulden. Da dieses Geld dem allgemeinen Wohle dienen sollte, verzichtete der Jude auf jede Verzinsung. Nach dreiviertel Jahren wird ihm das Geld zurückgezahlt und ihm bedeutet, man wolle ihn in den Adelsstand erheben. Der Jude ist unbescheiden, er bittet sich eine hohe Gnade aus — er bitte vom Kaiser die Gunst, im Lande bleiben zu dürfen. Er wusste,

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