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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-02-01 · 2 (2.1902) · p. Seite 4

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
2 (2.1902)
Date
1902-02-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Wuchers, schon beim Ausleihen eines Capitals die Zinsen abzuziehen. Die Göttertempel werden zu Depositenbanken für das gesammte Abend- und Morgenland. Sie sehen, meine Verehrten, hier schon die intimen Beziehungen zwischen Bankgeschäft und Kirchenbauten. Schon im grauen Alterthum finden wir den Typus feister Gesellen, die enorme Reichthümer durch Wucher erwarben und das gestohlene Geld nicht etwa in sicheren Actien einer arischen Bank, sondern in Austern und Wein anlegten. Meine Verehrten! Es ist kein Wunder, wenn die Unehrlichkeit des Kaufmannes in Griechenland zum Sprichworte wurde. In Athen gab es einen Diebeshafen für Schiffe, welche den Staat um den Zoll prellten, und einen Lügenmarkt, auf dem man die gestohlenen Sachen feilbieten konnte. Gelogen wurde schon an der arischen Börse der Athener, falsche Börsengerüchte bewirkten schon damals künstliche Vertheuerungen etc. Sie kennen diese dunklen Ehrenmänner aus Shakespeares Schilderungen. Demosthenes, der erste Mann seiner Zeit, sagte in einer Rede gegen Phormion: Ein betriebsamer und ehrlicher Kaufmann ist ein Wunderding." Und immer wiederholt man das wegwerfende Urtheil eines Piaton, und doch hat auch dieser nebenbei manch Geschäftchen gemacht, und dieser war Griechenlands edelster Denker! So steht es in den Staaten, die den Nimbus unsterblichen Geistes haben. Die Geschichte Roms setzt mit einem Wucherscandale ein. Die Bauern sind durch die vielen Kriege verarmt, so dass sie sich rettungslos in die Hände der Wucherer geliefert sehen. Es kommt zu jener ersten, von der Geschichte so genannten „Secession", welche Menenius Agrippa durch die Erzählung des Streites von den Gliedern mit dem Magen geschlichtet haben soll. Die Capitalisten aus Rom wandern in die kleinen Städte. Das Geld ist nicht nur Monopol des römischen Bürgers, sondern auch des zarten Geschlechtes. Es ist bekannt, dass römische Frauen ihre eigenen Männer ausgewuchert haben. Vor allem der römische Adel, die römischen Ritter waren es, die vom Staate alle Einkünfte in Pacht nahmen. Diese Einkünfte wurden alljährlich auf dem Forum öffentlich versteigert. Meine Verehrten! Einen seltsamen Typus treffen wir in Rom an, der sich sonst nicht wiederholt, das ist der Typus des Junkers, des Agrariers. In rührender Einmüthigkeit mit diesem Landadel betheiligt sich auch der Hof an den Geldgeschäften. Der sittenstrenge Cato sagt ganz offen und ehrlich: „Die erste Pflicht des Menschen ist Geld verdienen, und der Handel — wäre er nicht manchmal zu gefährlich — ist an sich ein guter Erwerb, auch der Wucher ist es, wäre er nicht so anrüchig!" Geradein der stolzen Sprache Roms ist dies gepredigt, und von dort ist

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