Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Preis, der hoch genug ist, wenn man bedenkt, dass ein Familienvater kaum sechzig Pfennige täglich verdient. Die Speise dieser Unglücklichen besteht aus Brot und Oliven. Zur Kleidung dienen ihnen schmutzige Lumpen. Eine auf dem Boden ausgebreitete Matte dient als Lagerstatt, wo die ganze Familie in einem herzzerreissenden Durcheinander schläft. Die Küchenausstattung ist die denkbar einfachste. Eine Pfanne, zwei Kasserollen, einige Näpfe und Löffel aus Holz sind alles. Die Suppe wird von der Mutter an den Mann und die Knaben vertheilt. Was etwa im Topfe übrig bleibt, ist für sie und die Töchter. Die Frauen arbeiten. Mehrere Jüdinnen aus Marrakesch sind Schneiderinnen. Auf einem umzäunten Platze am Ende des mellah kann man ungefähr fünfzig dieser Unglücklichen mit Lumpen bekleidet auf der Erde niedergekauert sitzen sehen, wie sie alte Soldatenröcke zusammenflicken. Für einen Arbeitstag erhalten sie einen halben Peseta, ungefähr dreissig Pfennige. Die höchsten Löhne stellen sich auf fünfzig Pfennige. Die jüdischen Dienstmädchen, die ziemlich zahlreich sind, erhalten gewöhnlich drei bis fünf Pesetas monatlich. Andere Frauen gehen, einen grossen Krug auf der Schulter, barfüssig, fortwährend zwischen dem öffentlichen Reservoir und den Häusern, die sie mit Wasser versorgen, hin und her. Da Mann und Frau seit Tagesanbruch vom Hause fern sind, kann man sich leicht vorstellen, wie verlassen und verkommen die Kinder sind. Zerlumpt, furchtbar unsauber, von Ungeziefer bedeckt, vagabondieren sie auf den Strassen und Kirchhöfen umher, hin und wieder sich einige Pfennige erbettelnd." Die moralische Lage entspricht der materiellen durchaus: Keine Erziehung, keine Gefühle der Ehre oder der Scham. In einem Ghetto eingeschlossen zu sein, gezwungen zu sein, eine besondere Kleidung zu tragen — die Mütze schwarz, die Tücher blau und wess — ist das etwas anderes als eine modificierte Haft? Den Juden sind einige Berufe verschlossen; sie dürfen im arabischen Viertel nicht in Schuhen gehen und werden durch die Kopfsteuer vollständig ausgesaugt. Nichts hat man unterlassen, um aus ihnen die elendesten und verworfensten Wesen zu machen. Der Ertrag der Kopfsteuer muss dem Viee-Gouverneur der Stadt vom Leiter der Gemeinde mit tief demüthigenden Ceremonien überreicht werden: Der Vertreter der Gemeinde tritt vor, grüsst. überreicht das Geld und erhält, wenn er sich zurückzieht, von dem Beamten Seiner Majestät einen Schlag auf den Nacken. Ist der religiöse Geist bei einer so bedrückten Bevölkerung erhalten geblieben? Nein! Die äusseren Formen nur, die Ceremonien des Cultus wei den respectiert. Ehescheidungen und Bigamie sind nicht unbekannt in Marrakesch. Der Aberglaube ist ungeheuer gross. Die Juden, die alle Zoharisten sind, glauben an die Macht des UebernatürlicEen. Viele Rabbiner verkaufen Amulette, Talismane, die alle Krankheiten heilen, das Schicksal beschwören. Glück bringen usw. Der (Haube an den „bösen Blick", den Teufel usw. ist aus diesen naiven und ängstlichen Menschen nicht auszurotten. Man liest den Zohar das ganze Jahr und trägt zu bestimmten Zeiten das heilige Buch bei Nacht mit grossem Pompe, beim Schein von Fackeln und bei Musikklängen in den Strassen umher. Es ist ein wahrer Götzendienst unter der Aegide des Gottes vom Sinai und der zehn Gebote. Unter der armseligen Bevölkerung sind Bekehrungen zum Islam keine Seltenheit mehr. Im allgemeinen haben die bedürftigen Juden Marokkos von den Arabern und Beamten viel zu leiden. Die letzeren ziehen sogar ans den Räubereien Nutzen, die sich die ersteren erlauben. Raubmorde, Diebstähle, Entführungen und Bastonaden sind an der Tagesordnung. Von den zahllosen Thatsachen, die wir anführen könnten, wollen wir nur folgende erwähnen: „Ein sechsundzwanzigjähriger Jude, Schalom Hamon, der Lastträger und Vater von mehreren unmündigen Kindern ist, hatte den Auftrag erhalten, eine gewisse Menge Getreide, das dem Gouverneur Omar gehörte, zu bewachen. Nach Verlauf von drei Tagen verliess Hamon, der noch keinen Pfennig Lohn erhalten hatte, auf einen Augenblick seinen Posten, um sich nach