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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-01-01 · 1 (1.1902) · p. Seite 37

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
1 (1.1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 37 (sequence 37)
Language
German
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37 das entsprechende Alter erreicht haben, wie alle anderen Einwohner, an den ersten besten.1) In Maro k k o. „Ich habe Gelegenheit gehabt", sagt ein Correspondent der Alliance, „das Elend unserer Glaubensgenossen in der Türkei, in Palästina und Marokko zu sehen, nirgends aber befanden sich die armen Kinder in einem elenderen Zustande als hier." Im Innern haben alle Nicht-Mohammedaner und besonders die Juden vielerlei Uebergriffe der übrigen Bevölkerung zu erdulden. Wir lassen einen Bericht des Leiters der Schule in Tanger, Ribbi, über die jüdische Bevölkerung in Marrakesch folgen : ,,Das , .mellali" (Juden viertel) zählt ungefähr 600 Häuser. Von diesen sind etwa 100 von je einer Familie bewohnt, die aus ungefähr 10 Köpfen besteht. In den anderen Häusern wohnen acht bis zehn Familien, also ungefähr 60 Personen in einem Hause. Wenn wir für jedes Haus 25 Bewohner rechnen, so erhalten wir als Gesammtsumme 14 bis 15 000 Seelen. Das ist annähernd die Zahl der Bevölkerung des mellah in Marrakesch. Hier herrscht eine emsige Thätigkeit. Jedermann arbeitet, die Handwerker in ihren Werkstätten, die Hausierer und Lastträger auf den Strassen. Und doch sieht man eine grosse Anzahl von Greisen, Gebrechlichen und bettelnden Kindern. Das Elend ist sehr gross. Man kann sich die Armut und Verkommenheit der armen Juden kaum vorstellen. Sie wohnen in elenden Schuppen, durch deren Dach der Regen ungehindert eindringen kann. Der Fussboden ist weder gepflastert noch mit Fliesen belegt. Die Rabbiner, die ihren Sitz auf alten verfaulten Matten haben, unterrichten in ihrem gewöhnlichen, monotonen Tone die Kinder, die zusammengekauert vor hnen auf der feuchten Erde sitzen. In dieser stinkenden Kloake drängen sich oft 150 bis 200 Schüler zusammen. Wenn sie ihre Schulzeit — wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf — hinter sich haben, wenden sie sich dem Handelsfache zu oder treten als Lehrlinge ein. Ausser drei oder vier wohlhabenden Personen giht es im mellah nur Arme, die ein trauriges Dasein führen. Wenn die Ernte gut ausfällt, verdienen die Einwohner mit Mühe und Noth ihr Brot. Wenn aber einige Jahre der Dürre und Unfruchtbarkeit kommen, herrscht die bitterste Noth im mellah." Vor einigen Wochen schrieb Ribbi noch von Marrakesch: „Im Sommer wird das mellah durch eine Hitze von 35 Grad zu einem todbringenden, feurigen Ofen. Daher sind Epidemien nicht selten. Das Typhusfieber befällt diese armen Juden, die ungenügend ernährt sind und in ungesunden Wohnungen zusammengedrängt wohnen müssen. Der Monat Ab. der Juli, wird am meisten von diesen Unglücklichen gefürchtet; denn, denken sie,;?das ist die Zeit, wo der Zorn des Himmels das auserwählte Volk daran erinnern will, dass Juda gesündigt hat und seine Sünden büssen imiss." Treten wir in eine dieser elenden Wohnungen ein. Eine niedrige Thür führt uns auf einen von allen vier Seiten eingeschlossenen Hof. Wenn wir die Schwelle überschreiten, drückt uns ein ekelhafter Geruch die Kehle zusammen. Keine Luft, keine Fenster, höchstens kleine Dachluken, die ihr Licht von dem engen Gange aus empfangen, der an den vier Mauern entlang führt. Eine stehende Pfütze fault in der Mitte des Hofes, keine Aborte, in einem Worte: nichts hindert, aber alles begünstigt die Entwicklung der Keime und Miasmen, die die Epidemien erzeugen. Und man kann es als ein Wunder bezeichnen, dass das mellah bis jetzt der Pest entgangen ist.2) Das sind die äusseren Zustände. Man kann sich darnach vorstellen, welch ein Leben man in diesen Hundelöchern führt. Die 15 000 Juden des mellah sind thatsächlich wie Thiere zusammengepfercht. Eine zehn Personen starke Familie wohnt in einem einzigen Zimmer für eine Miete von vier Mark monatlich, ein *) Seit drei Jahren hat die Alliance in den Hauptgemeinden Persiens Schulen gegründet, so in Teheran, Hamadan und Ispahan. 2) Während wir diesen Bericht niederschreiben, wüthet eine Typhus- und Choleraepidemie unter der mittellosen Bevölkerung von Fez, Täglich sterben durchschnittlich vierzig arme Juden.

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