Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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3G müssen die gemeinsten und niedrigsten Dienste verrichten. Es gibt thatsächlich im Jemenbezirk 00 000 Juden, dia vollständig im Stich gelassen sind. Die Lage ist umso kritischer, da uns seit acht Jahren genügende Regen fehlen. Der Preis der Lebensmittel ist bedeutend gestiegen, und die Arbeiter sind ohne Beschäftigung." In Palästina gibt es mehr als 25 jüdische landwirtsehaftlche Colonien. Es gibt Juden, die als Arbeiter auf den Feldern anderer Besitzer beschäftigt sind und die 1/20 Mark, selten 1,60 Mark täglich verdienen. (Soloweitschik.) Es gibt in Tiberias, einer Stadt von 4 bis 5 000 Einwohnern, zahlreiche jüdische Handwerker, Tischler, Klempner, Schmiede usw. In jedem Berufe gibt es zwei oder drei Männer, die ihren Unterhalt verdienen, die anderen vegetieren bloss. Die übrige Bevölkerung, also zwei Drittel der Gesammtbevölkerung, treibt Handel. Ausser vier oder fünf bekannteren Handelshäusern haben selbt die besseren höchstens 24 bis 32 Mark Gewinn monatlich. Die Mehrzahl der kleinen Handeltreibenden besteht aus Hausierern. Das Gros der Bevölkerung verkommt in einer. entsetzenerregenden Armuth. Ihre schmutzigen, luft- und lichtlosen Wohnungen, ihre abgenutzten Kleider reden eine genügend deutliche Sprache. Dieses furchtbare Elend übt natürlich auf den geistigen und moralischen Stand der Bevölkerung einen unheilvollen Einfluss aus. Das Milieu, in dem sich diese Ungücklichen befinden, und die Erziehung, die sie erhalten, tragen nicht wenig dazu bei, ihren geistigen Stand herabzudrücken. Der grösste Aberglaube herrscht unter den Juden dieses Landes. Wenn eine Mondfinsternis stattfindet, so eilen sie sogleich in den Tempel, um um Kettling zu flehen, während die Araber mit Flinten nach dem Monde schiessen, um den riesigen Fisch zu tödten, der ihn verschlingen will. (Bericht der Alliance 1898.) In P e r s i e n. Die jüdische Gemeinde in Teheran ist ungefähr 6000 Seelen stark. Zwei oder drei ihrer Mitglieder besitzen vielleicht 20 bis zu 30 000 Mark Vermögen: die anderen aber darben. Wir schliessen einige Berichte an, die vom Director der Schule in Teheran verfasst worden sind: Die Juden sind gezwungen, die Häuser zu kaufen, die Glaubensgenossen bewohnt haben, wegen des Vorurtheils der [Muselmänner. Jeder von einem Juden berührte Gegenstand, jedes von ihm bewohnte Haus ist unrein geworden und darf von den Mohammedanern nicht mehr benützt werden. Deshalb sind die Kaufpreise um das Zwei-, Drei-, ja Vierfache des gewöhnlichen Preises gestiegen. In diesen Häusern fehlen Möbel vollständig. Man sieht weder Tische, noch Stühle, noch Schränke. Auf dem Fussboden, der aus festgetretener Erde besteht, liegen einige aus allen möglichen Stücken zusammengeflickte Teppiche. Im Hintergrund des Hofes befindet sich ein schwarzer, verräucherter Schuppen; das ist die Küche. Abfälle und Kehricht werden in einer Grube nahe am Eingange aufgehäuft, und einmal im Jahre kommen die Landwirte., um diesen Dünger abzuholen .... Wovon leben sie? Das ist die Frage, die man sich immer wieder stellt, wenn man sich mit diesen orientalischen Gemeinden näher beschäftigt: und die Antwort ist nicht leicht zu geben. Wenn man sieht, wie wenige eine Beschäftigung, einen festen Beruf haben, so fragt man sich: Was machen die anderen, um nicht Hungers zu sterben? Manche sind Goldarbeiter, andere handeln mit Lebensmitteln. Viele kaufen und verkaufen Kleider. Vier oder fünf sind Antiquitätenhändler. LTnd die anderen? Der Correspondent aus Teheran weist darauf hin, dass der Familiensinn in grosser Gefahr steht. Wenn sich die Verhältnisse nicht ändern, so Werden Bigamie und Ehescheidungen bald vollkommen den Familiensinn und die Einigkeit untergraben haben. Das Gegentheil würde uns in Erstaunen setzen. Wie soll eine Familie solcher Noth und Ungewissheit gegenüber bestehen? Das kommt bei Völkern aller Religionen und Rassen vor. Wie in allen von Noth und Elend heimgesuchten Haushaltungen, herrscht unter den Ehegatten eine dauernde Verstimmung. Die Geburt von Kindern, die sonst eine Quelle der Freude zu sein pflegt, wird hier der Grund von neuen Entbehrungen und Klagen. In Persien verheiraten die Juden ihre Töchter, sobald sie