Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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3* ^eui11efoi% Das jüdische Weltproletariat. Von Henri D a g a n. In der Türkei. Wenn ein Volk den Wunsch nach einem Wechsel der Dinge hegt,, so ist dies immer die Folge einer Zunahme des Jammers und des Elendes. Die Auswanderungen, Empörungen und Auflehnungen gegen das Gesetz haben keinen anderen Grund, aber die Geschichtsschreiber sind meist viel zu sehr von der Gelehrsamkeit durchtränkt,, als dass sie diese einfachen^ natürlichen Ursache» erkennen könnten. Im Jemenbezirk führen die jüdischen Gemeinden ein sehr elendes Dasein. Von einer Bevölkerung, deren Sitten und Gebräuche sich von denen des 17. Jahrhunderts wenig unterscheiden, müssen sie alle Arten von Demüthigungen und Belästigungen erdulden. Daher kann man sich nicht wundern, wenn sie von der messianischen Idee erfasst werden und von Freiheit und Wohlstand träumen. Alle diese Unglücklichen stimmen darin überein: Wenn sie nicht an Jerusalem denken, so denken sie an eine zukünftige Vereinigung. Sie halten ihre Wünsche und Hoffnungen für ausführbar und für möglich. Wir geben folgenden Auszug eines an das Central-Comitee der Alliance gerichteten interessanten Briefes wieder: „Seit einiger Zeit sind die Juden des Jemenbezirkes von dem Gedanken erfasst worden, nach Palästina auszuwandern. Natürlich müssen sie schon in Alexandria die Hilfe ihrer Glaubensgenossen anrufen, um Mittel zur Weiterreise zu erhalten. Sie kommen in Gruppen von 50 bis 60 Personen dort an, abgezewrt und abgemagert, mit schmutzigen Lumpen kaum halb bekleidet. Ihre Physiognomie lässt eine tiefe Niedergeschlagenheit erkennen und spiegelt die moralischen und physischen Leiden wieder, die sie von der barbarischen und grausamen Bevölkerung haben erdulden müssen. Bei ihrem Anblick wird man von Mitleid erfasst; denn ihr Elend spottet jeder Beschreibung. Es gibt unter ihnen viele Frauen und junge Mädchen mit schwarzen, träumerischen Augen, schönen, regelmässigen Gesichtszügen und dunkler Hautfarbe. Ich habe diese armen Leute aus Jemen in dem Hause besucht, das die Gemeinde den fremden Reisenden zur Verfügung stellt. Die Unglücklichen sind hier in einem schrecklichen Durcheinander wie Thiere zusammengepfercht. Die Hungersnoth und die Unsicherheil, diese beiden grössten Geissein des Jemenbezirkes haben diesen armen Men sehen fast den Verstand geraubt. Und Jerusalem stellt sich in ihrer Einbildung als ein Zufluchtsort dar, wo ihnen die Unbilden des Lebens nichts anhaben können." Eine noch genauere Schilderung ist folgende, die einem Briefe vom Februar 1899 entnommen ist: „Das Elend zwingt die meisten jungen Leute, ihre Familien zu verlassen. Viele von ihnen sterben den Hungerstod. Andere machen freiwillig ihrem elenden Dasein ein Ende. Unsere Klagen werden niemals beachtet. Wir