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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-01-01 · 1 (1.1902) · p. Seite 29

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
1 (1.1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 29 (sequence 29)
Language
German
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29 rung gegen die christlichen Europäer benützt wird. Die Wiener Dame schreibt hierüber in ihrem vom 23. October datierten Briefe: In den letzten Tagen wurde von Seite der chinesischen Behörden der Provinz Hönau eine Proclamtion erlassen, welche zum Zweck hat, den das Volk aufreizenden Gerüchten von christlichen Ritualmorden energisch entgegenzutreten. Im Monat August hatte sich nämlich in Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hönau, folgender Vorfall zugetragen : Ein Individuum namens Chou tin gchi u, gebürtig aus Changsha, stellte sieh bei der englischen Missionsgesellschaft vor, gab sich daselbst fälschlich für einen Christen aus und bat um Ueberlassung christlicher Bücher zum Zweck weiterer Bekehrungen. Semem Ansuchen wurde bereitwilligst willfahrt, und es wurden ihm 27 Bücher ausgefolgt. Mit diesen begab sich C h o utingchiu zu einem chinesischen Geldwechsler und hierauf zum Ober-Constable des Sanshua - Districtes. Er bot beiden die Bücher zum Kaufe an mit der Erklärung, er sei ein von der britischen Mission ausgesendeter Colporteur. Gleichzeitig benützte er die Gelegenheit, um das Gerücht auszustreuen, dass er Augenzeuge gewesen sei, wie zwei vo.i Christen gefangen genommene Chinesenkinder geschlachtet und, nachdem man ihnen die Augen ausgerissen hatte, unter dem Hauptaltar begraben worden seien. An verschiedenen Orten wiederholte Choutingchiu dieselbe Erzählung, bis er endlich durch Pastor Suro Pehtang festgenommen und zur Bestrafung der Behörde überliefert wurde. Die christlichen Bücher hatte er sich nur zu dem Zwecke ausgeliehen, um seinen Angaben grössere Glaubwürdigkeit zu geben. Immer wieder taucht hier dies Märchen auf, dass die Europäer die Christenkinder fangen, um ihnen die Augen herauszunehmen und es dient dazu, um in den breiten Schichten der Bevölkerung einen masslosen Hass gegen die Fremden zu nähren und sie zu Unruhen anzustiften. Antisemitische Lügen. Zu dem in unserem December-Hefte enthaltenen Berichte aus Neu- Sandec erhalten wir folgende Ergänzung: Von der Staatsanwaltschaft hier wurden die beiden Juden Israel und Moses Stemmer des Mordes ander Solomea Gabrys angeklagt und fand die öffentliche Verhandlung gegen dieselben am 20., 21. und 22. d. M. statt. Die Anklage basierte auf der Aussage des Flickschusters Zembura, welche aber im Laufe der Verhandlung sieh als Lüge erwies. Den Geschwornen wurde eine Frage bezüglich Mordes gestellt, und der Antrag der Staatsanwaltschaft auf eine Eventualfrage wegen Todschlags vom Gerichtshofe zurückgewiesen. Infolge eines Appells des Staatsanwaltes an die Geschwornen haben letztere die Stellung dieser Eventualfrage verlangt, welchem Verlangen stattgegeben wurde, allein mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft wurde noch eine Ergänzungsfrage, lautend auf Uebertretung gegen die Sicherheit des Lebens, gestellt. Die Geschwornen haben die erste auf Mord lautende Frage einstimmig verneint, die Eventualfrage auf Todschlag mit 10 Stimmen verneint, dagegen die Frage wegen Uebertretung gegen die Sicherheit des Lebens mit 8 Stimmen bejaht. Demzufolge wurden die Angeklagten zu je 3 Monaten Arrest verurtheilt. Die Verteidigung war durch Dr. Goldhammer aus Tarnow glänzend geführt, der dieselbe in uneigennützigster Weise übernommen hatte.

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