Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 mit jugendlicher Begeisterung kämpfen wollen. (Lebhafter Beifall) In unserer Mitte schaffen Sie thatsächlich wie ein Jüngling, aus Ihrem eigenen Munde weiss ich aber auch, dass Sie sich jung fühlen. Vor kurzem erst, als ich die Agitationsfähigkeit einiger unserer älteren Mitglieder bezweifelte, die weit weniger wie 70 Lebensjahre zählen, da sagten Sie mir: „Ich werde 70 Jahre und fühle mich noch jung genug, ein Agitator zu sein." (Bravo.) Dass Sie, sehr geehrter Herr, Ihre von uns bewunderte Jugendfrische sich unzählige Jahre erhalten mögen, zum eigenen Genuss, zum Heile Ihrer Familie, zum Nutzen und Segen Ihrer Mitbürger, Ihrer Glaubensgenossen und aller derer, die Sie verehren, dahin geht heute unser innigster Wunsch! (Leehafter, anhaltender Beifall.) Hierauf überreichte Herr Präsident Paul-Schiff die seitens der „Union" votierte, künstlerisch ausgestattete Adresse. Die von der Firma Bernhard Buchwald in weissem Leder mit reicher Goldpressung ausgeführte Enveloppe trägt eine Widmungstafel aus Bronze, die von natürlichen, in das Leder eingepressten Lorbeerblättern umrahmt ist und folgende Inschrift zeigt: Die Oesterreichisch-Israelitische Union" ihrem verehrten Vicepräsidenten Herrn Sigmund Mayer zu seinem 70. Geburtstage. Die meisterhaft kalligraphierte Adresse hat folgenden Wortlaut Hochgeehrter Herr! Ihr Geburtsschein behauptet, dass Sie heute 70 Jahre alt werden. Aber Ihr stürmischer Feuergeist, Ihre körperliche Frische und Regsamkeit strafen dieses strenge Document Lügen. Noch sind Sie einer der Jüngsten unter uns, jung an Willenskraft, jung an Begeisterungsfähigkeit für alle gemeinnützigen Bestrebungen, jung an warmer Liebe für die Rechtlosen und Enterbten, jung in dem unerschütterlichen Glauben an den endlichen Sieg der Wahrheit, des Rechtes und des Gedankens der Verbrüderung alier Menschen. Und doch — Ihr Geburtsschein hat Recht! Denn die Weisheit und gereifte Erfahrung des Alters spricht aus jedem Worte, dass Ihren beredten Lippen entströmt, das ihre glänzende Feder zu Papier bringt. Nur wer in rastloser Arbeit, in heisser Sehnsucht nach Erkenntnis die steile Höhe des Lebens erklommen hat, vermag die weite Uebersicht, das treffsichere Urtheil über Menschen und Dinge zu gewinnen, die Sie, hochverehrter Herr, zum unermüdlichen Führer im Kampfe, zum klugen Meister im Rathe machen. Das Vertrauen Ihrer Mitbürger hat Sie jederzeit auf den schwierigsten Posten gestellt, und Sie haben den angewiesenen Platz bis zur äussersten Möglichkeit in Ehren behauptet, ein pflichtgetreuer Capitän, der das sinkende Schiff als Letzter verlässt. Ihre hingebungsvolle politische Wirksamkeit.sichert Ihnen ein dauerndes und dankbares Angedenken in den Reihen der freisinnigen Partei und in den Annalen dieser Stadt, die doch nur vorübergehend den fortschrittlichen Grundsätzen entfremdet werden konnte. Unvergänglichen Ruhm aber haben Sie auf einem Gebiete errungen, wo die Palme nicht nach Zufall und Willkür, sondern nach strengem Urtheil nur den Besten und Würdigsten verliehen wird. A^ volkswirtschaftlicher Schriftsteller haben Sie mit erstaunlicher Sachkenntnis, kühn, freimüthig und scharfsinnig die Wunden aufgezeigt, an denen unsere von Eigennutz zerfressene Gesellschaft krankt, und die Mittel zur Heilung gewiesen. Hier haben Sie vielfach bahnbrechend gewirkt, und die deutsche Wissenschaft nennt mit Achtung Ihren Namen.