Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-01-01 · 1 (1.1902) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
1 (1.1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9602426-9602427--0275-9602445
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

18 Ansprache des Präsidenten Paul-Schiff: Der grosse Schwedenkönig Gustav Adolf sagt: der Herrschyerständigste soll Herrscher sein und König. Wäre bei der Körperschaffe, in deren Namen ich die Ehre habe, heute zu sprechen, principiell für einen Herrscher Platz, dann müssten wir in dem heutigen Jubilar auch unseren Herrscher beglückwünschen, denn es wird wohl niemanden geben, der die Thätigkeit der ,,Oesterr.-Israel. Union4' kennt und der die Bedeutung, die dieselbe seit Ihrem Eintritte gewonnen hat, betrachtet, der nicht neidlos und uneingeschränkt bestätigen wird, dass dies Ihr Verdienst ist und Ihnen die Krone gebürt. Ich masse mir nicht an, ein erschöpfendes Bild Ihrer reichen Lebensthätigkeit geben zu können, zumal von berufener Feder in dieser Adresse Ihre unvergänglichen Verdienste niedergelegt sind. Ich will mich nur auf wenige Worte beschränken, vor allem, weil ich die Empfindung hege, dass ich infoige meiner kurzen Mitwirkungbei der „Union" nicht als der richtige Interpret jener hingebungsvollen und segensreichen Thätigkeit erscheine, die Sie während einer so langen Reihe von Jahren für uns entfaltet haben. Was mir die Aufgabe einigermassen erleichtert, ist der Umstand, dass ich an manche persönliche Beziehungen und Eindrücke anknüpfen zu können glaube, die Sie besser illustrieren als das, was in der grossen Oeffentlichkeit über Sie bekannt ist, in jener grossen Welt, die Sie in Ihrer Bescheidenheit nie gesucht haben. Sie haben nach absolvierten juridischen Studien sich dem Kaufmannstande hingegeben, Sie haben sich stets einen Kaufmann, einen Gewerbetreibenden, ja einen Schneider mit Stolz genannt. Als vor einigen Jahren in der Gewerbegesetzdebatte im Herrenhause Graf Belcredi sich auf die Ansichten in Ihren Schriften berief, machte der ehemalige Minister und jetzige Reichsgerichts-Präsident Unger den Zwischenruf: „Wer ist Sigmund Mayer, ist er ein Jurist?" Dieser Zwischenruf, der im Munde unseres grössten Rechtsgelehrten Ihren Namen damals ebenso populär machte, wie er gleichzeitig die Ueberschätzung auch bei gelehrtesten und geistreichsten Männern documentierte, hatte ein Nachspiel, das der grossen Oeffentlichkeit wohl nicht bekannt wurde, jedenfalls aber heute in Vergessenheit gerathen sein dürfte. Sie schrieben damals einen Brief an Unger — ich glaube aus einem diesbezüglichen Privatgespräche richtig zu citieren — Folgendes: „Eure Excellenz fragen, ob ich ein Jurist bin, ja ich bin ein Jurist; ich habe meine juridischen Studien absolvier«, und zwar in ganz guter Gesellschaft, nämlich — in Ihrer. Der Unterschied zwischen uns beiden ist: Ich bin nach meinen absolvierten Studien ein Schneider geworden und es bis auf den heutigen Tag geblieben, Sie sind Minister geworden, sind es aber nicht geblieben." (Heiterkeit.) Sie haben gerade damit vor allem gezeigt, dass es nur eines ganzen Mannes und einer Individualität bedarf, um den Besitz des höchsten Adels, nämlich des Berufsadels, zu documentieren. Sie haben gezeigt, dass wir den Plebej erstolz, der vielen unter uns leidermangelt, vor allem haben m ü s s e n, ja ich möchte sagen, dass wir uns dazu emporringen müssen, bevor wir auf die Achtung gerade jener Schichten, die sich die höheren nennen, Anspruch machen dürfen und wenn wir von unseren Mitmenschen, auch den geringeren, respeetiert werden wollen. (Bravo-Rufe.) Mit umso grösserer Befriedigung müssen Sie, der Sie aus Ihrem engeren Rahmen nie hervorzutreten beabsichtigten, es verzeichnen, dass viele Vertreter der heutigen Wissenschaft, speciell die deutschen Kathedergelehrten, sich zu Ihrem Standpunkt und zu Ihren seit Beginn unentwegt und unbeirrt festgehaltenen Ansichten in der Gewer befrage zum grossen Theile bekehrt haben, ja dieselben stellenweise vollkommen in ihre Lehre aufnahmen. Was Sie auf dem Gebiete der heimischen communalen Interessen geleistet haben, solange in jenem Vertreterskörper noch Aussicht auf unparteiische Würdigung ernster Arbeit war, ist noch in aller Erinnerung. Ihre Ausführungen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.