Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1(3 Der steigende Antisemitismus in allen Ländern, der heute schon England und Amerika zu ergreifen droht, hat die westlichen Juden erkennen lassen, dass, so lange sie selbst nicht wahrhaft emancipiert sein werden, so lange noch selbst ein einziger Jude auf der ganzen Welt um seines Namens willen verachtet wird. Hierauf richteten sich ihre Blicke nach Osten, nach jenem grossen Sumpf. Der gebildete Jude des Westens, seit langem gewohnt, den polnischen Juden als Caricatur zu verspotten, ist von seinem Piedestal herabgestiegen. Er hat das Antlitz desselben studiert und merkte zu seinem grössten Erstaunen, dass sich darunter Zgüe verbergen, die ihm innig bekannt und vertraut sind. Er erkennt, dass eine Unsumme von Intelligenz darin begraben ist und er sieht das durch eigenartige Umstände verwirrte Bild seiner eigenen deutschen Vorfahren. Eine ähnliche, parallele Erscheinung gieng auf der anderen Seite vor sich und so war die erste Etappe für die Verständigung gekommen. Kaum kann es einen ergreifenderen Anblick geben, als das Wiederzusammenfinden der östlichen und westlichen Juden. Aus diesem Bündnis, aus diesem Milieu heraus ist der galizische Hilfsverein entstanden und sein Werk ist ein sociales Werk, ein Culturwerk ersten Banges. Seiner Aufgabe gegenüber müssen alle übrigen Auf gaben zurücktreten; seine Sache ist eine reine Volkssache und es ist gut, dass der jährliche Beitrag mit nur 4 K festgesetzt ist, damit alle Schichten der Bevölkerung Mitglieder werden können. Vor ihm schwinden alle Unterschiede, Alte und Junge, Männer und Frauen, Arme und Reiche, Westliche und Orthodoxe, Zionjsten oder Xichtzionisten, alle, alle können und müssen beitreten. Wer Jude heisst muss diesem Werke steuern! Ich hoffe, dass ich mit diesem Ausspruche meine Befugnisse an diesem Abend nicht überschritten habe, und dass ich mit dieser Empfehlung nicht Anstoss erregt habe in der Oesterreichisch-Israelitischen Union, die mir die Ehre erwiesen hat, vor einem Wiener Publicum über das Elend unserer galizischen Glaubensgenossen sprechen zu dürfen. Ich glaubte hiezum umsomehr berechtigt zu sein, da die Union mit dem galizischen Hilfsverein durch mehrfache Personalunion verbunden ist. Ueberall, wo Juden wohnen, müssen Ortsgruppen dieses Vereines begründet werden und müssen mit der Wiener Centrale in Verbindung stehen. Hier kommt es allerdings nicht darauf an, Ortsgruppen zu gründen, welche nur das Geld ihrer Mitglieder einsammeln und nach Wien schicken sollen, sondern sie müssen aus Männern und Frauen gebildet werden, welche in innigstem Connex mit ihnen stehen, welche die Bedürfnisse der Leute kennen und ihre Leiden mitfühlen. Das ist wichtig für den galizischen Hilfsverein, dass er die richtigen Männer und Frauen dazu finde. Da bedarf es der jüdischen Intelligenz, welche sich in den Dienst der Sache stellt. Wenn sie sich aber auch dabei betheiligen würde, ohne Enthusiasmus wäre nichts erzielt. Meine Damen und Herren! Das galizische Hilfswerk ist alles weniger als ein Wohlthätigkeitswerk, es ist ein Werk, welches den ganzen Menschen, vom Kopf bis zum Fusse, erfassen soll. Es soll eine innige Verbindung zwischen den verschiedenen Classen der Judenheit