Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 welche ich zu den lehrreichsten der ganzen Geschichte zähle und die so gut wie nicht bekannt ist. Eedner gibt die Schilderung eines der ersten deutschen National- Ökonomen über die einstigen trostlosen Zustände in Irland und über die sittliche und wirtschaftliche Erhebung des irischen Volkes wieder und fährt dann fort: Das war, wie die Geschichte beweist, in Irland möglich, unter dieser total verkommenen Gesellschaft, und da sollten wir zweifeln, dass es möglich wäre, unter den Juden Galiziens, unter dieser friedlichen und fleissigen Bevölkerung, denn was man auch sagen möge, allen jenen Eigenschaften, die ich vorher an ihnen geschildert habe und welche sie den umwohnenden und auch uns westlichen Juden so rettungslos verkommen erscheinen lassen, allen jenen Eigenschaften entsprechen andere, welche zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Der Habsucht entspricht der unendliche Fleiss, die unermüdliche Zähigkeit. Der dumpfen Eesignation, der stummen Ergebenheit in das heutige traurige Schicksal liegt jener Optimismus zugrunde, der die Juden durch alle Jahrhunderte hindurch erhalten hat, der es möglich gemacht hat, dass sie solch ein Martyrium jahrhundertelang ertragen konnten. Und jener Talmudismus, jenes kritisierende Raffinement spricht von einer hohen Intelligenz, die nur in die rechten Bahnen gelenkt zu werden braucht. Endlich jene absolute Enthaltsamkeit von Alkohol und als letzten kräftigen Beweis jene unglaubliche Anpassung^- und Ausbildungsfälligkeit, welche die Juden überall bewiesen, in London wie in Chicago und New-York, in Palästina oder in Argentinien, überall dort, wo sie frei den wirtschaftlichen Gesetzen folgen können. All dies beweist uns, dass das jüdische Volk Galiziens nicht verloren ist. Aber wie und mit welchen Mitteln soll eingegriffen werden? Soweit wirtschaftliche Missstände bestehen, müssen wirtschaftliche Massregeln ergriffen werden, muss die Erziehung eingreifen. Hier aber, verehrte Anwesende, sind Avir bei einem, ernsten Punkte unserer Betrachtungen angekommen, bei dem Punkte, wo ich Sie bitte, Ihr ganz besonderes Augenmerk auf ihn zu richten. Welches ist unsere erste Pflicht: der heutigen oder der kommenden Generation, den Erwachsenen oder den Kindern beizustehen? Sollen wir die Kinder unterrichten und vorbereiten auf ihren Beruf, oder sollen wir die Erwachsenen in den Stand setzen, sich selbst zu erhalten und ihre Kinder in Schulen zu geben? Mit der ganzen Kraft meiner IJeberzeugung möchte ich mich für den letzteren Standpunkt aussprechen. Es ist unsere Pflicht, der heutigen Generation beizustehen. Wer da glaubt, dass die heutige Generation verloren sei, wer da glaubt, dass wir uns auf die Kinder verlasesn müssen, dem rufe ich das warnende Wort des bekannten Nationalökonomen Elürscheim ins Gedächtnis: „Die Zeit drängt, Ihr Freunde, es ist zu spät, auf die Kinder zu warten!" (Bewegung.) Fürwahr, nirgends hat dies Wort mehr Giltigkeit als in Galizien. Wir dürfen nicht warten. Wer aus diesen meinen Worten den Schluss ziehen wollte, dass ich überhaupt gegen die Erziehung wäre, der würde wahrlich mich schlecht verstehen. Nicht, dass ich etwa das Wirken der