Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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10 träger, welche schwere Säcke zu schleppen haben, für zwölf stündige Arbeitszeit 90—100 kr. Nicht höher sind die Löhne und Einkünfte der Handwerker. Die Verhältnisse in den jüdischen Schneider- und Schuhmacherwerkstätten sind ebenfalls derartige, dass sich ein Jude des Westens keine Begriff machen kann von dem Elende, das in diesen Höhlen haust. Und nun teilen Sie sich vor, dass das Elend in den grossen Städten bei weitem nicht heranreicht an das Elend der Juden in den kleinen Städten. Dort wohnen jene Luftmenschen, von denen ich vorher sprach. In seinem so überaus lesenswerten Buche über das jüdische Proletariat erklärt Landau diesen Ausdruck folgendermassen: Luftmenschen sind Leute, welche gleichsam in der Luft schweben, keinen Erwerb oder Handel betreiben, in den Tag hineinleben, sich an alles anklammern. Sie sind bald Mäkler, bald Concurrenten der Post, indem sie für 2 kr. einen Brief und für 5—10 kr. ein Paket nach der nächsten Ortschaft befördern. Ihre physische Kraft ist wertlos, sie finden dafür keine Abnehmer. Je kleiner die Ortschaft, desto geringer die Arbeitsgelegenheit. Ihr erbärmliches Dasein wird nur durch den Glauben an Gott erhalten. Gott wird schon helfen, und hilft er nicht, dann kommt der Hungertyphus. Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Verhältnissen der Stand der Moral zu sinken beginnt. Wäre es nicht zu wundern, wenn trotz all dieses Elends, aller schrecklichen Noth, die Höhe der Moral sich so erhalten hätte, wie sie anfänglich war? Wenn wir gerecht sein wollen, so müssen wir das Sinken der Moral auf die Schuld der wirtschaftlichen Verhältnisse und der socialen Ausbeutung schieben. Aber nichts kann uns dann hindern, die Verhältnisse trotz alledem so anzuerkennen, wie sie heute sind. Unter unseren galizischen Stammesgenossen grassiert das schändlichste Laster, der Menschenhandel. Es ist die trübste Erscheinung, die wir erörtern können: jüdische Männer, welche jüdische Mädchen in die Fremde verkaufen und verschachern. Fast alle Processe, die in immer kürzer werdenden Zwischenräumen sich wiederholen, ebenso wie der letzte Monstreprocess in Beuthen, haben gezeigt, dass die meisten Menschenhändler galizische Juden sind und drüben in Rio de Janeiro vertrauern hunderte und aberhunderte unglückseliger jüdische]1 Mädchen ihr Leben in der Schande. Ich kann dies hier nur andeuten. Als Resultat unserer Betrachtungen können wir bezeichnen Elend, Schmutz, körperliche und geistige Entartung und Verkommenheit. Meine Damen and Herren! Ich weiss wohl, dass manche von Ihnen sagen werden, ich hätte zu schwarz geschildert, ich hätte zu arg dargestellt, es gäbe auch andere, sonnige Seiten. Das erstere leugne ich, das zweite gebe ich zu. Alles, was ich gesagt habe, besteht zu recht, es ist nicht übertrieben, aber es war nur eine Seite. Es gibt in der That auch eine andere Seite. Wenn mir die Frage vorgelegt würde, „sind die Verhältnisse unter unseren galizischen Juden derartige, dass keine Hoffnung besteht, sie je daraus herauszuziehen4'? so würde ich unbedingt mit einem entschiedenen iSTein antworten. Meine Ansicht über diese Frage möchte ich an einer geschichtlichen Thatsache beweisen,