Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 völkerung ernährt sich vom Ackerbau, der in der allereinfachsten Weise geübt wird. Wenn man nichts anderes wüsste als diese wenigen nackten Ziffern und Daten, so würde man wissen und daraus schliessen können, dass unbedingt der Hass der Bevölkerung gegen solche Elemente entstehen musste, die ausschliesslich jeder zehnte Mann von neun anderen, selbst armen Menschen leben. Da hat allerdings der heutige Antisemitismus ein leichtes Spiel, umsomehr, da er es trefflich versteht, die Verhältnisse für sich auszunützen. Sie verweisen auf die Schädlichkeiten des jüdischen Zwischenhandels und sie haben recht damit. Sie gründen zur Abwehr dieses schädlichen Zwischenhandels Consum-Vereine, Kolka rolnice genannt, und sie haben wieder recht damit. Diese Consum-Vereine haben einen gewaltigen Zulauf; sie entziehen den Juden all den kleinen Zwischenhandel, der früher in ihren Händen lag; viele jüdische Familien sind dadurch brodlos geworden. Die Regierung wenn sie auch nicht offen und bestimmt den Antisemitismus fördert und unterstützt, thut es dennoch indirect. Wir wissen, dass sie den Juden den Salzhandel und die Propinationen entzogen hat und dadurch wieder viele tausende Familien brotlos machte. So gieng es in zahl reichen anderen Berufen. Sie alle erinnern sich jenes schrecklichen Unglückes, das im Jahre 1899 über die jüdischen Bergarbeiter in Boryslaw hereinbrach, als mehrere Schächte des Bergwerks wegen Einsturzgefahr geschlossen wurden. Meine Damen und Herren! Ich habe diese Einzelheiten angeführt aus dem Grunde, um den Satz zu beweisen, dass all die Massnahmen, die Gründung von Consum-Vereinen, die Verbesserung des Verkehrs durch die Eisenbahnen, die erhöhte Sorgfalt in der Aufsicht der Gewerbebetriebe u. dgl. durchaus im Interesse der galizischen Bevölkerung liegen und dasss sie doch zu gleicher Zeit durch die Lage der Dinge per se sich gegen die Juden richten müssen. Das ist die Lage, welche wir heute vor uns haben. Als Manschen, als Xationalöconomen müssen wir sagen, „all diese Schritte sind recht, sie sind nothwendig", und als Juden müssen wir sagen, „sie sind das schändlichste, was uns angethan werden kann". Die Schuld liegt nicht allein an den Menschen der heutigen Generation, die Schuld liegt an der ganzeii Entwichkung, welche die Verhältnisse so geschaffen haben, wie sie heute sind. Nichts nützt es, wenn wir gegen die antisemitische Niedertracht eifern wollten: damit würde nichts geleistet werden. Andere Mittel und Wege müssen eingeschlagen werden. — Entsprechend diesen ganzen Verhältnissen sind natürlich die Löhne in den Fabriken unendlich niedrig. Wenn es Sie interessiert, führe ich einige Ziffern an, die als typische Beispiele gelten könne]!. So wird in einer Zündhölzchenfabrik in der Xähe von Kolomea von sechseinhalb Uhr früh bis acht Uhr abends mit einer einstündigen Mittagspause gearbeitet. Dafür erhalten die erwachsene]] Manner, welche die todbringende Arbeit des Tauchens und Sortierens verrichten, einen Wochenlohn von Fl. 4.— bis 5.—, Mädchen und Frauen verdienen bei angestrengter Arbeit Fl. 2.— wöchentlich. Mädchen im Alter von 12 Jahren bekommen für das Kleben von 1000 Schachteln 4 kr. Die Hauer in den Bergwerken erhalten 40 bis 60 kr. Tagelohn. Die Stein-