Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Handel und Wucher. Hiezu hatte die Kirche gute Gründe, weil sie damit zwei Ziele zu gleicher Zeit erreichte. Da sie in ihrem eigenen Glauben das Zinsennehmei* verboten hatte, hatte sie Geld Verleiher in den Juden zur Hand und erreichte, dass man diese als Aussauger hasste. Seinen Höhepunkt aber erreichte der Fanatismus, als der Jesuiten-, orden das Land betrat. Die Jesuiten waren es, welche unter der Bevölkerung das Märchen von Christenschändung, Brunnenvergiftung, Eitualmord verbreiteten, welche immer und immer den Juden das Aussehen von Mördern gaben. Zu welch äusserster Kohheit des Gefühles allmählich diese xAügriffe auf die Juden sich steigerten, ersehen wir aus einem Erlass des Jahres 1733 der Synode. Dort heisst es, man solle der Vermehrung der Juden in Polen entgegenwirken, denn man dulde sie doch nur, damit der Best sich bekehre und weil der Stamm wegen der Schönheit der Blume, die da erblüht, erhalten werden muss, damit sie die Qualen Christi in Erinnerung bringen und damit die göttliche Gerechtigkeit daraus erhelle! Und doch, meine Damen und Herren, hat der andere Factor mindestens ebenso in seiner Art auf die Juden eingewirkt, mindestens ebensoviel zu ihrer Depravation beigetragen, nämlich die Begünstigung der Juden durch den polnischen Adel. Dieser Ausspruch mag im ersten Augenblick parodox erscheinen, dennoch besteht er zu recht. Als während des 15. Jahrhunderts der polnische Adel gegenüber dem Königthum mehr und mehr an Macht und Einfluss gewann, um endlich das Königthum ganz in den Schatten zu stellen, da wurde der Ausspruch unter den Adeligen anerkannt, dass nur diese die wahren Polen seien. Der Luxus stieg ins Ungeheure, und da der Adel die hiefür nöthigen Mittel wegen seiner häufigen Fehdezüge nicht selbst sich erwerben konnte, bediente er sich dazu der Juden, in denen, wie wir gesehen haben, durch die Thätigkeit der Kirche eine ganz besondere Befähigung für die Handelsgeschäfte grossgezogen war. So setzte er sie überall als Pächter ein, sämmtliche Zölle und Steuern wurden den Juden verpachtet, ebenso die Propinationen, und hier ist der verderblichste Einfluss, welchen, der Xoth gehorchend nicht dem eigenen Triebe, die Juden auf die übrige Bevölkerung ausüben mussten, am deutlichsten zu erkennen. Einstimmig erklären alle Historiker, dass sowohl der ruthenische, wie der polnische Bauer nüchtern waren. Der Jude aber, um den Pachtschilling der Schlachta bezahlen zu können, zwang die Bauern, ein grösseres Quantum Schnaps zu kaufen. Unzählige Schandthaten wurden im Bausche verübt, das Volk ist physisch und moralisch entartet. Ist es ein Wunder, wenn allmählich der grösste Hass gegen die Juden in der Bevölkerung wach wurde? Und anderseits lassen sich die Einflüsse und Folgen beurtheilen, welche innerhalb der Judenheit selbst auf Geist und Gemüth verursacht wurden. Man hätte glauben sollen, dass sich durch den gemeinsamen Druck eine Einigkeit sondergleichen unter dieser Bevölkerung hätte Balm brechen müssen. Das Gegentheil aber ist der Fall! Nirgendswo wie in Galizien sahen wir und sehen wir noch heute solche schroffe Unterschiede zwischen Arm und Reich; nirgendswo gähnt die Kluft ohne irgendwelche Ueberbrüekung wie dort. Der Druck hat in den