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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1902-01-01 · 1 (1.1902) · p. Seite 6

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
14 (1902)
Issue
1 (1.1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 später: „Das ärmste Proletariat, welches auf der Welt bestellt, mit dem weder der arme schlesische Weber noch die arme Bevölkerung von Irland überhaupt nur verglichen werden kann, das ist das Gros der polnischen Judenheit." — Diese beiden Aeusserungen eines Mannes von der Bedeutung Mengers beleuchten in präciser Klarheit die wirklichen Zustände Galiziens. Und nur derjenige vermag es zu erfassen, was in diesen Worten liegt, der da weiss, unter welchem Elende die schlesischen Weber seufzen, und der weiss, zu welchen Thaten des Wahnsinns sich von Zeit zu Zeit die irländische Bevölkerung hinreissen lässt. Nichts von alldem hören wir in Galizien. Dumpf und stumpf, in stiller Ergebenheit und Resignation verbringt die galizische Judenheit ihr Dasein. Was bedeutet das? Nichts anderes, als dass wir hier vor uns haben nicht etwa ein Proletariat, das sieh seiner Rechte auf Menschenwürde recht bewusst ist, das für seine wirtschaftliche Hebung selbst eintritt, sondern jene Masse, für welche man das Wort „Lumpenproletariat" geprägt hat. Unter der Bevölkerung Galiziens ist ein grosser Theil nichts anderes als Bettler. 300 000 Bettler zählen wir dort, 300 000 Menschen, die täglich von Almosen leben, die mithin ihrer Selbstachtung vollständig bar sind. Solchen Menschen gegenüber hat man es gewagt, das Wort „galizische Schnorrer" zu prägen. Dreihunderttausend andere Menschen sind nicht viel anders als diese, jeden Tag können auch sie in den Abgrund stürzen, und nur mit Mühe erhalten sie sich darüber. Man bezeichnet sie mit dem Namen „Luftmenschen". Nur 200 000 Menschen befinden sich in einigermassen günstigeren Umständen; einige unter ihnen sind allerdings ausserordentlich reich. Wie ist es nun möglich gewesen, dass ein so allgemeiner Nothstand eintreten konnte? Im ganzen grossen wirken hier dieselben wirtschaftlichen Kräfte, welche überall, in Irland wie in Schlesien, ia Spanien wie in Russland, schuld sind an dem Elend unter den Massen. Bei den galizischen Juden aber kommen noch zwei andere Faetoren hinzu, welche ausserdem einen socialen Druck auf sie geübt haben. Das ist der Einfluss der Kirche und des Adels durch die ganze Geschichte. Ursprünglich waren die Juden, welche in Polen einwanderten, befreundet mit der übrigen Bevölkerung. Sie vertraten das belebende Element, und in einer Eingabe, welche die polnischen Juden im Jahre 1530 an Sigismund I. machten, wurde betont, dass zur Zeit kein einziger christlicher Kaufmann oder Handwerker gezählt wurde, während zur selben Zeit 3200 jüdische Kaufleute und 10 000 jüdische Handwerker vorhanden waren. Während der ganzen Zeit, vom Anfang ihres Daseins in Polen an, hat die katholische Kirche nicht geruht, den Hass gegen die jüdische Bevölkerung in den übrigen Einwohnern grosszuziehen. Schon im Jahre 1279 wurde der Erlass von dem „Schandmal des Rades mit dem rothen Tuch" bekannt, und iminer strengere Verordnungen wurden erlassen. Christen durften nicht bei Juden dienen, nicht an ihren Festem theilnehmen, die Häuser mussten getrennt werden durch Mauern und Gräben. Ein Eecht nach dem andern wurde ihnen entzogen, man verbot ihnen den Grundbesitz und beschränkte sie ausschliesslich auf dem

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