Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9602426-9602427--0262-9602432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nun bestrebt sein, jene Männer für uns zu gewinnen, die auf Grund jahrelanger opferwilliger Thätigkeit durch eigene Anschauung die Verhältnisse zu beurtheilen in der Lage sind, um uns mit ihrem schätzbaren Rathe beizustehen, und zur Propaganda und Belehrung dorthin zu berufen, wo wir die opferwilligsten und verständnisvollsten Anhänger alier humanitären Bestrebungen und die wirksamsten Förderer unserer Actionen erblicken. Nachdem es uns vor allem darum zu thun SPin musste, die geehrten Mitglieder der „Oesterr.-Israel. Union" mit der galizisv-hen Judenfrage thatsächlich bekanntzumachen, so war es unsere Pflicht, eine Umschau unter jenen Männern zu halten, welche nicht nur alle jene Kenntnisse mit warmem Mitgefühl vereinigen, sondern auch die Fähigkeit haben, in wirkungsvoller Weise dies Ihnen auseinanderzusetzen. Sind uns auch so manche Personen bekannt, die sich mit der galizischen Frage befassen, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass uns der Name Dr. Ernst Tuch mehr wie alle anderen immer wieder entgegenleuchtet, da sein Träger auf Grund unvergleichlicher Kenntnisse und trefflicher ßeurtheilung der Verhältnisse wohl der berufenste Interpret ist. Ich weiss zwar, dass der Name Tuch, und zwar in zwei Generationen, allen jenen unter uns, die auf irgendeinem humanitären Gebiete jemals thätig waren, nur allzu gut bekannt ist, doch fühle ich mich verpflichtet, die objective B^urtheiiungsfähigkeit unseres verehrten Gastes und Redners, der unserem Rufe so bereitwillig Folge geleistet hat, an dieser Stelle ausdrücklich zu betonen. Gerade ein im Auslande domilicierender, im praktischen Leben stehender Kenner Galiziens und seiner gesammten Verhältnisse kann dieselben von einer objectiven Warte mit einem weiteren Blicke beurtheilen als viele unter uns, die zwar galizische Verhältnisse als Eingeborene oder durch den Aufenthalt daselbst recht wohl kennen, aber gerade hierdurch befangen sind und die Verhältnisse weniger klar beurtheilen, weil sie mitten im Alltagsgetriebe stehen. Ein weiterer Beweis für die unparteiische und genaue ßeurtheilung der Verhältnisse, die wir bei unserem geschätzten Gaste erkannt haben, wird in dem Umstände erwiesen, dass wir gerade ihn gebeten haben, als der berufene Interpret in Ihrer Mitte zu erscheinen, trotzdem wir wissen, dass seine engere und berufliche Richtung sich in erster Linie mit der agricolen Förderung befasst. Umso lehrreicher und willkommener wird seine Kritik für uns sein, die wir in erster Linie der industriellen Richtung unsere Thätigkeit für die nächste Z^it zuzuwenden beabsichtigen (Lebhafter, anhaltender Beifall.)- Der Präsident ertheilte hierauf Herrn Dr. Ernst Tuch das Wort zu seinem Vortrage: Das Massenelend der galizischen Juden und die Bestrebungen zu ihrer Rettung. ^Meine Damen und Herren! 1879 Kronprinz Rudolph von Oesterreich England s man, ihm die Merkwürdigkeiten zu zeigen, welche London zu bieten vermag. Als solche zeigte man ihm nicht die Westminster Abtei, den Tower, nein, man führte ihn nach Westend. Drei Tage lang durchschweifte Kronprinz Eudolph, bloss von dem Polizeipräsidenten von Dondon begleitet, dieses Weltviertel des Jammers. Als er einst in einer Volksküche einer Ausspeisung beiwohnte, da entrangen sich ihm Ausrufe des Entsetzens über das elende Aussehen, über die Kleidung und die Kost dieser Aermsten der Armen. Da rief der anwesende Wiener National Ökonom Dr. Karl Meng er ihm zu: „Was Sie hier sehen, das sind Gentlemen; wenn Sie wirkliches, starres, grausiges Elend sehen wollen, dann gehen Sie in das Judenviertel Krakaus.u Und dieser selbe Professor Menger äusserte sich fünfzehn Jahre Als im Jahre besuchte, da besehlo