Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 14 (1902)
- Issue
- 1 (1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9756662-9602426-9602427--0260-9602430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 damit die gleiche Wahrung der politischen Rechte wie unsere Landsleute anderer Confessicnen erwarten. In diesem Zusammenschlüsse wird die gute Sache siegen und auf dieser Basis hofft die „Oesterreichisch-Israelitische Union" die gesarnmte österreichische Judenschaft um sich zu scharen und immer neue Mitglieder zu gewinnen. (Beifall.) Der Wechsel im Präsidium hat einen späteren Beginn unserer Vortragssaison zur Folge gehabt, den Vorstand aber in seiner eifrigen Arbeit nicht gehindert. Wir haben in den letzten Wochen eine Agitation von Haus zu Haus durchgeführt, um jene Glaubensgenossen, welche ungarischer Herkunft sind, durch einen mehr als zehnjährigen Aufenthalt in Wien jedoch bereits den Anspruch auf die Aufnahme in den Wiener Heimatsverband und damit in den ö s t e r e i c h ischen Staatsverband erworben haben, zur Geltendmachung dieses Anspruches zu bewegen. Diese Action, deren politische und wirtschaftliche Wichtigkeit keiner näheren Begründung bedarf, wurde zunächst in der Inneren Stadt durchgeführt, und wir dehnen dieselbe nun auf die Leopoldstadt und succesive auf alle anderen Bezirke aus. Ein concreter Fall aus der jüngsten Zeit hat uns bestimmt, unser Augenmerk der Frage zuzuwenden, ob der Wiener Magistrat bei Verleihung interconfessioneller Stiftungen den Bestimmungen des Stiftbriefes in vollem Umfange entspricht und den Intentionen der Stifter ohne Rücksicht auf das Religionsbekenntnis der Bewerber Rechnung trägt. Auch die Zurücksetzung jüdischer Recht spraktikanten ist Gegenstand einer Action, für welche wir zunächst das erforderliche Material sammeln. Unsere propagandistische Thätigkeit ist in den letzten Wochen nicht stillgestanden. Wir haben an sämmtliche Cultusvorsteher Oesterreichs neuerdings die Aufforderung gerichtet, auf die Erweiterung unseres Mitgliederkreises bedacht zu sein, und zugleich an alle Herren Rabbiner die Einladung gerichtet, durch ihren Einfluss diese Agitation zu unterstützen. In Wien wurden in den Bezirken Mariahilf, Neubau, Wieden und M a r g a r e t h e n Wanderversammlungen mit erfreulichem Erfolge abgehalten, und diese Vorträge werden demnächst in anderen Bezirken fortgesetzt werden. Vorgestern hat unser Bureauleiter einen Wandervortrag in Prossnitz gehalten. Seit der letzten General-Versammlung am 12. October hat sich unser Mitgliederstand um 240 erhöht. (Lebhafter Beifall.) Der von meinen verdienstvollen Vorgängern inaugurierten und wohlerprobten Einführung gemäss sind wir auch heute versammelt, um den Contact, den wir mit unseren Mitgliedern während des ganzen Jahres regelmässig durch unsere Monatsschrift aufrechthalten, in der Wintersaison mittelst des Vortragscyklus zu ergänzen, erfahr ungsgemäss wissend, dass nichts so eindringlich und nachhaltig wirkt, wie das gesprochene Wort, besonders wenn es aus beredtem Munde und begeistertem Herzen kommt. Unserer Tradition gemäss wollen wir das gesarnmte culturelle, geschichtliche, politische und wirtschaftliche Gebiet, welches für uns Juden irgendwie von Bedeutung ist, im Rahmen des'Vortragscyklus vertreten sehen. Der heutige Zweck unserer Versammlung, nämlich das Thema des uns in Aussicht stehenden Vortrages: „Das Massenelend der Juden in Galizien". vereinigt fast alle jene ei wähnten Gebiete und Gesichtspunkte in sich. Ist doch für uns östeireic ische, speciell Wiener Juden, die Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien nicht nur eine eminent wirtschaftliche Frage, sondern heute bereits indirect zu einer politischen geworden. In nicht geringem Masse entrollt jenes unsägliche galizische Judenelend gleichzeitig bedeutsame geschichtliche und culturelle Rückblicke. Sehen wir doch in der bemitleidenswerten lebenden Generation die Nachkommen jener Juden, die im Rahmen