Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-12-01 · 12 (12.1901) · p. Seite 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
12 (12.1901)
Date
1901-12-01
Page
Seite 23 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9756662-9602173-9602399--0251-9602422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

— 23 — keine Fensler. Einundvierzig Percent der jüdischen Familien dieser Stadt haben zur Wohnung nur ein einziges Zimmer, das ungefähr ein Dutzend Personen beherbergen mus-. Daher ist der sanitäre Zustand der Juden in Odessa äusseret beklagenswert. Im Jahre 1897 waren von 60.000 Kranken, die in Hospitälern verpflegt wurden, 33.000 Juden. Dieser Stand des materiellen Lebens hat natürlich einen Rückschlag auf den geistigen Zustand ausgeübt Im Jahre 1899 erb elten 62 Percent d^-r jüdischen Kinder keinerlei Unterricht. Nach den Statistiken von 1900 konnten kaum 10 Percent der Juden dieser Stadt russisch lesen und schreibt n. In Wi na ist die Strumpfwirkerei fast gänziich in den Händen von jüdischen Arbeitern. Doch verdienen diese durchschnittlich nur 8 Rubel monatlich, and dabei muss man noch die sehr häufigen Arbeitseinstellungen und die Steuer von 3 Rubeln, die jeder Arbeiter für die Benützung einer Maschine entrichten muss, in Betracht ziehen. In Minsk ist die Lage nicht besser. Die jüdischen Arbeiter sind hier in den Schuhmacherwerkstatten, den Leinenwebereien und den Bäckereien beschäftigt. Sie erhalten gewöhnlich 4 I is 5 Rubel wöchentlich für eine Tagesarbeit von 15 bis 17 Stunden. Ebenso gibt es hier noch 250 Maurer, die durchschnittlich % Rubel wöchentlich verdienen und von zwölf Monaten neun Monate ohne Arbeit sind.**) Wir müssen mit dieser Aufzählung aufhören und gezwungenermassen unvollständig bleiben. Aber wir haben genug gesagt, um eine Idee von der Lage der armen russischen Juden zu geben: Ein sein änkende Gesetze, die die wirtschaftliche und geistige Thätigkeit lähmen; Unduldsam!" eit der Beamten und Behörden; Fanatismus der Einwohner, die sich für ihr eigenes Elend an den armen Juden rächen wollen; feindselige Massrcgeln und Bestimmungen; Arbeitseinstellungen; Hungersnoth mit allen physiologischen und moralischen Folgen. Daher hat die jüdische Auswanderung einen neuen Antrieb erfahren. Aus einer Statistik, die in den Vereinigten Staaten aufgestellt wurde, geht hervor, dass von 1881 bis 1899 ungelähr 550.000 russische Juden in diesem Lande angekommen sind. Im Jahre 1899 scheint die Zahl der russischen Einwanderer in Nordamerika die Zahl von 30.000 überstiegen zu haben, während es im Jahre 1897 nur 20.000 und im J hre 1898 schon 25.000 wat en. Da der Auswanderungsstrom sich nicht nur nach Nordamerika gewendet hat, sondern auch nach allen anderen Ländern, wo diese Unglücklichen hoffen konnten, eine Zuflucht zu finden, so kann man die Zahl der russischen Juden, die in den letzten neunzehn Jahren ihre Heimat verlassen haben, auf 800.000 schätzen. (Bericht der Alliauce israelite 1899.) Eines der beliebtesten Vorurt heile der Antisemiten ist der Glaube, dass es den Juden, die sich seit mehr als tausend Jahren nur mit dem Handel abgegeben haben, unmöglich sei, Landwirte zu werden. Die Thatsachen widersprechen dieser Behauptung. Es gibt in den Gouvernements Cherson, Jekaterinoslaw. Wilna, Grodno, Kiew etc. (13 Gouvernements) 325 jüdische landwirtschaftliche C o 1 o n i e n. Die Anzahl der Colonistenund jüdischen Arbeiter beträgt 95.430 („Wosod", Januar 1897). Zu dieser Tahl muss man noch 5502 jüdische Arbeiter hinzuzählen, die sich mit Ge- **) Eine i eue Geisel plagt die armen Juden: Die Hungersnoth! Der „Woschod" vom März 1901 gibt folgende Nachrichten wieder: Im Gouvernement Bessarabien zählt das Gebiet von Soroki 983 Farn lien ohne jegliche Subsistenzmittel. Sie sind auf 16 Colonien und 4 Städte vertheilt. In der einzigen Stadt Soroki starben 200 Familien den Hungertod. Bri'schew, Lublin und Weitinjanes und einige andere Dörfer zählen 200 Golonistenfamilien, denen die einfachsten Lebensb _i ürfnisse fehlen. In Jekaterinoslaw war der Leiter der Colonie gezwungen, vom Minister der kaiserlichen Domänen ein Darlehen von 12.600 Rubeln zu erbitten. Dieses Darlehen ist von dem Czaren Nicolaus genehmigt worden, aber die Summe muss auf die Gemeindecasse von Jekaterinoslaw aufgenommen werden. Sie ist auf sechs Jahre, übrigens ohne Zinsen, geliehen worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.