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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-12-01 · 12 (12.1901) · p. Seite 22

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
12 (12.1901)
Date
1901-12-01
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
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— 22 — zwei Familien, jede zu s°chs Personen, in einem einzigen Raum, der 1 eun Fuss im Quairat gross ist, ohne irgendwelche Scheidewand hausen. Die Gräben von Homol enthalten 120 dieser Baracken, die allen Winden geöffnet sind, und wo mehr als zweitausend Personen wohnen. In Wilna leben tau-ende von menschlichen Wesen in Kellern, die sich zwei Etagen unter dem Strassenniveau befinden. Mitten am Tage muss man eine Kerze anzünden, wenn man das Bild des Jammers und des Schreckens, das diese el nden Nester bieten, betrachten will. In Odessa hat e;n Viertel der Bevölkerung überhaupt keine Subsistenzmittel: viele leben vom Betteln. Am Osterfest haben von 180.000 Juden 60.000 die Hitfe der Gemeinde angerufen, um ungesäuertes B:ot kaufen zu können. In Mohdew-Podolsk bedarf der vierte Theil der jüdi chen Bevölkerung, ungefähr 800 Familien, derselben Unterstützung. Diese armen Teufel kennen nicht mehr den Geschmack des Fleisches. (In der That ist in zehn Jahren die Einnahme von der Fleischsteuer von 14.000 auf 8500 Bubel gefallen.) In Berditschew warten v ele Juden auf die günsiige Geiegenh it, einige Kopeken als Träger, Führer oder Agenten zu verdienen. 5000 Familien, der dritte Theil der Bevölkerung, haben keine Existenzmittel. In Sklow (Mohilew) ist das Elend erschrecken t gross. Von 8000 Emwohi ern sind 7000 Juden auf die öffentliche Wohlthätigkeit angewiesen. Karm 200 Familien werden um erstützt. Die jüdischen Arbeiter nehmen die schwie ig.-ten und gefährh« listen Arbeiten auf sich, entgegen der Ansicht, dass sie nur zu Geldgeschäften geeignet wären. Ueberall im Grenzbezirk verrichten sie schwere Arbeiten. In Lithauen führen sie die Maurerarbeiten aus. In Odessa und Elisabetgra<t laden sie das Getreide um, w. s eine schwierige und ungesunde Arbeit ist. In Kreslawa bei Dwinsk lesen sie die Borsten aus für Pinsel und Bürsten. In Kasimilch, in Godno, in Wilna sind es fast ausschliesslich Jaden, die die Baumstämme z-sammenkoppeln, um Flösse daraus herzustellen. An den Ufern des Dniepr kann man die jüdischeu Träger, die oft schon 60 bis 65 Jahre alt sind, 13 bis 14 Stunden täglich bis zur Brust im Wasser beim Abladen der Boote sehen. Und sie sind glücklich, wenn sie in der guten Jahreszeit so 3 Bubel wöchentlich verdienen. In Wilna wohnen die sogenannten „wachewniki*, deren Arbeii darin besteht, die verschiedenen Stämme der Flösse zu Haufen aufzustapeln. Ihre Thatigkeit verlangt viel Umsicht und Geschicklichkeit. Sie zählen 480 Mann und sind alle Juden. Die Frauen stellen nur ein geringes Uontin^ent zu dem Heere der Arbeiter. Die Arbeiterinnen in den Gigarren- und C gaivttenfabriken sind fast ausschliesslich Jüdinnen. Diese Arbeiterinnen haben gewöhnlich täglich zwölf Stunden Arbeitszeit. Doch müssen manche, z. B. in den Zündhölzchenfabriken in Hornel, 13 bis 14 Stunden täglich arbeiten. Sie treten in Kischi ew, in Hornel, in Minsk, in Darisow, in Warschau, in Wilna mit den Männern in heisse Concurrenz und streiten mit ihnen mit grosser Erbitterung um magere Löhne von 25 bis 30 Kopeken. Sie treffen in last allen Berufen zusammen, in der Bortenwirkerei, bei der Herstellung von künstlichen Blumen, bei der Schneiderei und im Weisszeuggeschäft. Der Mangel an Arbeit und die dauernde Noth zwingen sie oft —- wie das bei Arbeiterinnen jeder Beligion und jedes Landes vorkommt — sich der Prostitution zu ergeben.*) Nachstehend bringen wir einige kürzlich vom „Woschod" veröffentlichte Documente (Juli 1901): In Odessa haben die Sanitätsinspectoren 5087 Wohnungen gezählt, die jüdische Familien innehaben, die aller Subsistenzmittel entbehren. Von diesen 5087 Wohnungen befanden sich 1000 in KeLern und mehr als 2000 hatten *) Leroy-Beaulieu erzählt, dass ein junges Mädchen, das nach Moskau gekommen war, um die Stenographie zu erlernen, kein anderes Mittel gefunden hatte, um hier bleiben zu können, als sich als öffentliche Dirne einschreiben zu lassen, da die Prostitution der einzige „Beruf" war, der den Frauen ihrer Basse zugänglich war. Die Unglückliche wurde in dem Augenblicke ausgewiesen, als die Polizei erfuhr, dass sie ihren „Beruf" nicht eifrig ausübte. (Journal des Debats, 15. August 1890.)

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