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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1901-12-01 · 12 (12.1901) · p. Seite 19

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
13 (1901)
Issue
12 (12.1901)
Date
1901-12-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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— 19 — der landwirtschaftlichen Krisis betroffen wurde, müssen tausende von Juden ihr Brot erbetteln. Zu dieser wirtschaftlichen Noth tritt die F e i n dseligkeit der Regierung und der Gesetze. Der Berliner Vertrag bestätigt die rumänische Nationalität der Juden. Das Parlament hat jedoch bestimmt, dass jede Naturalisation dem ^enat und der Deputiertenkaramer unterbreitet werden muss. Auf diese Weise werden alle ihre Forderungen systematisch unbeachtet gelassen. In Rumänien kann kein Jude Rechtsanwalt (Verfügung vom Jahre 1864) oder Apotheker (1869) oder Eisenbahnbeamter (1871) oder Tabakhändler (1872) werden. Er darf sich nicht bei der Bewerbung um öffentliche Arbeiten betheiligen (1868) oder vom Staa e verkaufte Ländereien einteilen (1869). Ein Gesetz vom Jahre 1881 untersagt jedem Fremden den Beruf als Handelsagenten. Am 15. März des Jahres 1884 beraubte ein Gesetz, das den Hausierhandel untersagte, mit einem Schlage 20.000 Juden ihres Lebensunterhaltes. Ein Gesetz vom 12. März 1887 schloss die Juden von der Verwaltung der staatlichen Gigarrentrafiken aus. Im Jahre 1893 verschloss eine Reihe von Gesetzen den Juden die öffentlichen Schulen. Schliesslich schrieb noch ein Gesetz jüngeren Datums vor, dass auf jedem Bauplatz, in j<-dem Betgwerk und in jeder Fabrik 75 Percent der Arbeiter und Beamten rumänischer Nationalität sein müssen. Dieses Gesetz ist gegen die jüdischen Arbeiter gerichtet. Alle diese wirtschaftlichen, politischen und socialen Calamitäten hatten tausende von Juden in solche Verzweiflung versetzt, dass im Monat Apr 1 1900 ein grosser Auszug nach Deutschland, Holland und England vorbereitet wurde. Unterstützungen wurden von dem Central-Comite der „Alliance Israelite" vertheilt. Zu jener Zeit mussten ungefähr 100.000 Personen unterstützt werden.**) Die Emigranten wurden durch zionisti>che Agitatoren veranlasst, sich nach Palästina zu wenden, d<>ch die ottomanische Regierung versagte ihnen den Zutritt zu diesem Lande. Die Emigranten wandten sich nun nach A n a t o 1 i e n, um sich hier dem Ackerbau zu widmen. Doch dies war ein beklagenswerter Schritt, rieber, Hungersnoth und verschiedene Krankheiten decimierten die Ausgewanderten. Der Sultm selbst hatte Mitleid mit ihnen und liess Lebensmittel unter sie vertheilen. Am 28. Mai schrieb A s t r u c, der Leiter der Schule in Rustschuk, von Galatz Folgenies: „Ich mache mir keine Illus onen über die Folgen einer wirtschaftlichen Krisis ohnegleichen, aber in Galatz übertrifft die Wiikhchkeit alles, was man sich an Erschütterndem und Herzzerreissendem denken kann. Es sind nicht Arme, Arbeitslose oder Müssiggänger, die ich im Auge habe, sondern Unglückliche, die buchstäblich „Hunger" schreien, Kinder, die aus Mangel an Brot umkommen, ja selbst, man kann es fast nicht glauben, aus Mangel an Wasser. Eine der ersten Gruppen der Elenden, die ich besucht habe, ist diejenige, die in einigen Tagen nach Gypern abreist. Sie setzt sich aus 52 Familien zusammen und besteht aus 220 Personen. Man hat sie in einem ekelhaften Hofe eingepfercht, und sie befinden sicu dort zusammengedrängt schon seit zehn Tagen. Sie werden wahrscheinlich noch eine Woche dort bleiben mü>sen.* Herr Astruc schrieb über Jassy am 12. Juni 1900: „In dieser Stadt, die mehr als 35.000 Juden in ihren Mauern birgt, müssten wenigstens 20.000 unterstatzt werden. Die an Entkraftung gestorbenen Personen zählen nach Dutzenden, und auf dem Friedhof hat die Zahl der Gräber in die>em Wi, ter eine erschreckliche Höhe erreicht. Tritt man in das erste beliebige Haus ein, so hört man, dass das Brot seit meh eren Tagen auf dem Tische lehli, und dass die Einwohn r sich seit zwei Wochen von den unreifen Früchten nähren, die sie in der Umgebu g der Stadt gesammelt haben. Steigt man die wurmstichige Treppe, die verdächtig knarrt, hinauf, so trifft man unbewegliche, stumpfsinnige, abgezehrte breise an, die unseren **) Vom Mai bis Februar 1901 hat die „Alliance Israelite* in Rumänien etwa 5U0.000 Francs ausgegeben.

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