Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 12 (12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 15 — Die antisemitischen Blätter brachten kürzlich folgende Erzählung: „Im 11. Heft der Schriften des Vereins für Geschichte der Neumark" (Landsberg a. d. Warthe 1901) ist auf den Seiten 178/179 zu lesen: Zeitungs-Relationes in den Jahren 1736 — 1757 (auf Verlangen des Königs). Ew. Königl. Majestät berichten wir hierdurch allerunterthänigst, dass jüngsthin aus Posen, sowohl von dem H. Woiwoden von Brest als dem Magistrate dieser Stadt Briefe eingelaufen, welche mitgebracht haben, dass die Juden daselbst ein armes Weibstück dahin beredet, dass sie ein Christenkind auf der Juden Kirchhof aufgreifen und verkaufen müssen, welchem sie die Adern geöffnet, und solcher gestalt umgebracht, nachher aber ausserhalb der Stadt in einen Strauch geworfen und soll bei dieser Handlung ein Jude Jakob Wolff allhier gewesen, sich aber den Tag nach seiner Ankunft auf der Soldinischen Post den Namen Levin Benjamin gegeben und weitergegangen. Wir verharren pp. (ohne Datum). Aus dem Magistrats-Archiv der Stadt Landsberg (Warthe). — Wie sagte doch der Herr Staatsanwalt am Landgericht I zu Berlin? „Für einen gebildeten Menschen gibt es überhaupt keinen Ritualmord." Hierüber äussert sich Richard Lichtenstein in der „AUg Ztg. d. J." (1. 11.) wie folgt: Der citierte Sachverhalt stimmt wörtlich mit dem vom Pfarrer A. Rackwitz in den Schriften des Vereins für Geschichte der Neumark unter der Ueberschrift „Zeitungs-Relationes in den Jahren 1736—1757" wiedergegebenen Thatbestande überein. Im Wesentlichen ist den Mittheilungen des Pfarrers zu entnehmen, dass Friedrich der Grosse, um über alle Vorkommnisse in seiner Monarchie — es ist die Zeit des Polizeistaates! — unterrichtet zu sein, durch eine Verfügung der Kriegs- und Domänenkammer zu Küstrin den Magistrat wiederholt ersuchte, alle Neuigkeiten, die sich ereigneten, unverzüglich zu seiner Kenntnis zu bringen. Rackwitz theilt unter Ziffer 7 den erwähntea Vorfall mit, verzichtet jedoch auf jede Kritik desselben und ermöglicht so die geniale Construction eines Gesehichtskenners, wie des Herausgebers des „Bayrischen Vaterland". (Nicht der Herausgeber des „B. V.% sondern ein Berliner Antisemitenblatt darf für diese „geniale Construction" das Recht der Priorität beanspruchen. D. R. d. „Mitth.") Eine kritische Analyse ergibt die Unwahrheit der ganzen Erzählung. 1. Es heisst ausdrücklich, die Juden hätten das Christenweib beredet, ihr Kind zu verkaufen. Welche Absurdität! Die Juden, nicht einzelne, sondern alle, sollen ein Christenkind gekauft haben! Wo hat sich jemals solches ereignet? — Kürzlich noch konnte ich der „Frankfurter Zeitung" berichten, dass der Correspondent eines Walliser Blattes seinen Lesern ein Geschichtchen auftischte, demzufolge die die Schweiz besuchenden Fremden Kinder kaufen und — essen wollten. Man wird den psychologischen Zusammenhang begreifen. % Sagen die Berichte : es soll ein Jude Jakob Wolff, ein sogenannter Medicus, betheiligt gewesen sein. Man beachte wohl: erst werden alle Juden als Schuldige genannt, kein Name, dann ein Jude mit dem voll ausgeschriebenen Namen, und der — soll. 3. und das ist entscheidend: es ist eine Untersuchung angestellt