Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 12 (12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 14 — erst Adamczyk zurückgekehrt ist. Die Untersuchung wird hier mit aller Objectivität geführt und wäre schon längst abgeschlossen; allein fast jeden Tag kommen neue Denunciationen gegen die Verhafteten, wodurch die Untersuchung in die Länge gezogen wird, obwohl sich alle diese Angaben als grundlos erweisen. So meldete sich unlängst — nach bekanntem Muster — ein Flickschuster aus Alt-Sandec, namens Zembura, als Zeuge und gab an, dass er am Abend des kritischen Tages vom „Rothen Kloster" nach Szczawnice ging und die Rettungsrufe eines Weibes hörte und von der Ferne die beiden Verhafteten erkannt habe, — nebenbei gesagt, kennt er sie gar nicht persönlich — und da auch er sich fürchtete, hat er sich in einem Schlupfwinkel versteckt, bis die Juden sich entfernt hatten. Die Untersuchung ergab, dass Zembura andiesemTagegar nichtim „r othen Kloster" g e w e s e ii ist, und gegenwärtig wird untersucht, ob es möglich ist, von der Entfernung, wie sie Zembura angibt, Menschen, die eigentlich nicht im langen Kaftan gekleidet wraren, zu erkennen. Ueberdies haben die Verhafteten über die Zeit, wie sie Zembura angibt, ein vollständiges Alibi erbracht. Inzwischen lief vom Kapellmeister Wronski eine mit seinem vollen Namen gefertigte Anzeige aus Lemberg ein, dass die beiden in Lemberg wohnenden jüdischen Musikanten Joachim Eis ler und Josef Hand, welche im Sommer zur Curkapelle in Szczawnice gehörten, an dem Morde der Gabrys betheiligt waren. Vom Untersuchungsrichter ist deren Einlieferung angeordnet worden, und da die Verdächtigung sich als grundlos erwies, wurden sie am selben Tage nach dem ersten Verhöre wieder auf freien Fuss gesetzt. Wronski, Eisler und Hand weilen gegenwärtig wieder in Lemberg. * Wie Ritualmordmärchen entstehen. Eine Affaire, die seinerzeit zu Volksunruhen und Excessen führte, hat nunmehr durch ein Geständnis auf dem Sterbebette ihre Sensation eile Aufklärung gefunden. Vor etwra sechs Jahren verschwand spurlos aus dem Dorfe Mienken im Arnswalder Kreise (Brandenburg) das dreijährige Söhnchen des Wirtschaftsbesitzers J e n s k e. Antisemitische Agitatoren brachten in die Landbevölkerung den Glauben, dass das Knäbiein einem Ritualmorde zum Opfer gefallen sei. Es kam gegen die im Arnswalder Kreise wohnhaften Juden zu Ausschreitungen, wrelche erst durch die energischen Massnanmen der Behörden unterdrückt werden konnten. Jetzt erst, nach sechs Jahren, hellt sich das traurige Schicksal des kleinen J e n s k e auf. Auf dem Sterbebette gestand ein Förster, namens Renke, dass er das im Walde nächst Mienken spielende Kind für ein Wild gehalten und erschossen habe. Aus Angst, verhaftet und bestraft zu wrerden, habe er die Leiche des Kleinen im Walde vergraben. Der Sterbende gab auch die Stelle an, und die Behörde, welcher das Geständnis des Försters bekanntgegeben wurde, leitete sofort die nothwendigen Nachforschungen ein. *