Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 12 (12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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_ 4 — Ein Legat für die „Oesterreichisch-Israelitische Union". Frau Pauline Bond y, die Witwe und Universal-Erbin nach unserem langjährigen, unvergesslichen MitgÜede Herrn Philipp Bondy, hat in Ausführung einer letztwilligen Verfügung ihres verstorbenen Gatten der „Oesterreichisch-Israelitischen Unionu den Betrag von 500 Kronen zugewendet. Es ist dies das erste Legat, welches unserem Vereine in Anerkennung seiner gedeihlichen Rechtsschutz-Thätigkeit zufällt, und die Gabe ist uns doppelt wertvoll, weil der hochherzige Erblasser noch über das Grab hinaus ein aufmunterndes Beispiel gibt, wie gemeinnützige Bestrebungen wirksam gefördert werden sollen. Nur langsam setzt sich in der österreichischen Judenschaft der Gedanke durch, dass jeder Einzelne für die Wahrung und Sicherung seiner staatsbürgerlichen Rechte persönliche Opfer bringen müsse, und dass in dem aufreibenden Kämpfe, der uns aufgezwungen wird, die Macht der Organisation unentbehrlich ist. Der Opfersinn unserer österreichischen Glaubensgenossen hat sich bisher fast ausschliesslich auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit durch Spenden und Stiftungen für Zwecke der Armen- und Krankenpflege bethätigt. Aber alle Werke der Nächstenliebe, alle Opfer für die Armen und Bedürftigen werden vergeblich geleistet, wenn der Rechtsboden unter unseren Füssen wankt, wenn die sichere Grundlage unserer physischen und moralischen Existenz erschüttert wird. Wir wollen ganz davon absehen, dass auch die jüdische Wohlthätigkeit einer einheitlichen Organisation entbehrt, dass sie in den meisten Fällen nur auf eine augenblickliche Aushilfe in der Noth und in den seltensten Fällen auf die Schaffung von Arbeit und Verdienst oder auf die Stütze schwankender Existenzen gerichtet ist. So lange unsere Mitbürger anderer Gonfessionen uns nicht als Vollbürger anerkennen, so lange uns der Anspruch auf Rechtsgleichheit im Erwerbsleben, in der Besetzung der staatlichen und communalen Aemter verweigert wird, so lange das grauenhafte Elend namentlich unter unseren galizischen Glaubensgenossen fortdauert, muss das jüdische Proletariat sich in erschreckendem Masse vermehren und wir schöpfen mit allen caritativen Bestrebungen nur in ein Fass ohne Boden. Deshalb ist es eine verfehlte Anschauung unserer bemittelten Kreise, dass die politische xYrbeit der ..Oesterreichisch-Israelitischen UnionM geringere Aufmerksamkeit und Hingebung verdient. Wenn wir den armen Hausierer schützen, damit er sein kärgliches Brot nicht verliere, wenn wir das Vorurtheil bekämpfen, dass jeder ehrliche jüdische Geschäftsmann ein Ausbeuter des chiistlichen Volkes sei, w^enn wir gegen die Zurücksetzung jüdischer Rechtspraktikanten, gegen die Boykottierung jüdischer Aerzte und Advoeaten auftreten, so ist das eine prophylaktische Thätigkeit, die der Verarmung der jüdischen Bevölkerung weit wirksamer steuert,