Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 12 (12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 — die Judenverbrennungen und Judenaustreibungen in Deutschland und Oesterreich, die Bartholomäusnacht, die Verfolgungen der Waldenser und Albigenser sind unauslöschliche Zeugnisse dafür, wer mit den unmenschlichsten Mitteln die Herrschaft über alle Völker des Continents, ja des ganzen Erdballs aufrichten wollte. Nicht wir sind es, die den Kampf auf das religiöse Gebiet hinüberzerren. Die christlich-socialen Führer versichern bei jeder Gelegenheit, dass ihr Kampf gegen das Judenthum nur wirtschaftlichen und socialen Motiven entspringt. Prinz Liechtenstein aber hat im Katholischen Schulvereine die wahren Beweggründe der Judenhetze enthüllt. Aus seinen Worten flammt der Glaubenseifer eines Ignatius v. Loyola und eines Peter Arbuez. Und fanatischer Religionshass sprüht auch aus der Rede des Freiherrn v. Morse y. Die alte Verleumdung kehrt wieder, dass Juden und Protestanten Feinde des Thrones und des Herrscherhauses sind. Man weiss, wohin das zielt, wo solche Saat fruchtbaren Boden findet. In diesem Staate, der vom nationalen Hader zerfressen ist, soll nun auch der Brand des Glaubenshasses entfacht werden und zur hellen Lohe emporschlagen. Prinz Liechtenstein hat keinen Zweifel gelassen über die letzten Ziele seiner verderblichen Wühlarbeit. „Nur kurze Zeit", rief er am Schlüsse seiner Rede frohlockend aus, „trennt uns noch von der finalen Krise; insbesondere die schwarz-gelb gesinnte, gut katholische, kaisertreue Bevölkerung der Hauptstadt freut sich auf den Augenblick, wo mit dem eisernen Kehrbesen unser Haus reingefegt weiden wird." Der Patriotismus, den der edle Prinz hier predigt, ist von ganz besonderer Art. Wir haben den von ihm gepriesenen Kehrbes n an der Arbeit gesehen vor Solferino und vor Königgrätz. Es ist nicht die erste Krise, in welche dieser Staat von der Partei des Redners gestürzt wurde — ob sie die letzte sein wird, mag dahingestellt bleiben. Aber in diesem ernsten Augenblicke, wo man sich erkühnt, uns Juden Mangel an Vaterlandsliebe und Kaisertreue vorzuwerfen, soll es festgestellt werden, dass es unsere schlimmsten Bedränger sind, die auf den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung speculieren und den eisernen Kehrbesen des Absolutismus herbeisehnen. Wer noch nicht wusste, warum in diesem unglücklichen Reiche alle Gewalten der Hölle entfesselt wurden, warum der Rassen-, Classen- und Glaubenshass zur Siedehitze gesteigert ward und warum wir Juden wieder herhalten mussten zur Entflammung der schlimmsten Leidenschaften, der weiss es jetzt. Und diejenigen, denen die Erhaltung verfassungsmässiger Einrichtungen noch ehrlich am Herzen liegt, mögen erkennen, wie weit sie mit ihrer schwächlichen Duldung der antisemitischen Bewegung gekommen sind. Die Juden schlug man, den Verfassungsstaat meinte man. In der Wuth, mit welcher die Feinde des constitutionellen Oesterreich uns verfolgen, liegt eine ehrende Anerkennung unserer treuen staatsbürgerlichen Pflichterfüllung. S. F.