Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 13 (1901)
- Issue
- 12 (12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden und Protestanten. In der Festversammlung des Katholischen Schulvereines hat am 15. November Prinz Liechtenstein eine wilde Hetzrede gegen die Juden gehalten. Das gleiche that der clericale Abgeordnete Baron M o r sey in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 25. November gegen die Protestanten. Prinz Liechtenstein führte die anticlericale Bewegung in Frankreich, Spanien, Portugal, Deutschland und Oesterreich auf das Walten einer unterirdischen vulcanischen Macht zurück, die er deutlich genug mit den Worten kennzeichnete: „Es ist das international organisierte, aber durch und durch exclusiv nationale, auf Einheit der Rasse und des Blutes hissende Judenthum, das die Herrschaft über die zumeist arischen, weit höherstehenden Gulturvölker des Continents mittelst der Presse und des Leihgeldes errungen hat." Der hochgeborene Redner erklärte weiter, dass das Judenthum die katholische Religion mit wüthendem Hasse zertreten und ausrotten wolle, dass die Juden den Glauben der Christen hassen und fürchten, weil ^ie Christus gekreuzigt haben, dass es Juden seien, welche die Entarteten des Glücks gegen Thron und Altar hetzen. Dagegen behauptet Baron Morse y, dass die Reformation die erste grosse Revolution gewesen sei, aus der alle anderen Revolutionen entstanden sind, dass mit dem Beginne der Reformation der moderne Capitalismus mit den Millionen auf der einen und dem Pauperismus auf der anderen Seite beginne, dass Calvin die Lehre der Kirche von Zins und Wucher aufgehoben habe, dass in der protestantischen Kirche vom Evangelium nichts geblieben sei als der Pappendeckel, und dass die protestantischen Lehrbücher angefüllt seien nebst den Vorurtheilen gegen die katholische Kirche mit denen gegen das Haus Habsburg. Wir haben uns bemüht, möglichst genau zu citieren. Nach dem Prinzen Liechtenstein sind es ausschliesslich die Juden, die alle Revolutionen machen, durch Wucher Reichthümer ansammeln und so die Auswüchse des Capitalismus verschulden, den katholischen Glauben hassen und antidynastische Gesinnungen verbreiten. Nach Baron M o r s e y sind an all diesen Uebeln ausschliesslich die Protestanten schuld. Dem geduldigen Leser mag es überlassen bleiben, zu entscheiden, wer von den beiden frommen Herren recht hat. Es ist die alte Geschichte von dem Lamme, das dem Wolf das Wasser getrübt hat. Eine Polemik gegen die Herren Liechtenstein und M o r s e y wäre abgeschmackt. Noch reicht ihre Macht nicht so weit, die Wahrheiten der Geschichte auszutilgen. Wer die Hasser und die Gehassten, wer die Verfolger und die Verfolgten waren, die Ströme von Blut beweisen es, die zur höheren Ehre Gottes geflossen sind, die hunderttausende jüdischer und protestantischer Märtyrer bekunden es, die dem religiösen Fanatismus zum Opfer fielen. Die Schrecken der Inquisition und der Kreuzzüge,